"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Donnerstag, 11. September 2014

Der Waldspaziergang

Gerade wandern wir durch ein Eukalypuswäldchen. Ich betrachte die vertrockneten Tannennadeln und welken Blätter, die der Wind aufwirbelt und auf den Waldboden segeln lässt. Plötzlich passieren wir einen zugewucherten kleinen Pfad, der seitlich abführt und mir einen bösen Traum aus frühen Kindestagen in Erinnerung ruft. Jahrelang hatte ich mich noch gefürchtet vor dem Mann, der mich darin mit einem Messer in der Hand verfolgte. Hier ist alles friedlich. Keine Gefahr droht mir. Wir klettern einen steilen Hang hinauf. Die aus dem Boden ragenden Baumwurzeln und kantigen Kiesel, erleichtern unsere Schritte. Mit strammen, erhabenen Schritten wollen wir des Berges Spitze erklimmen. Eine Bremse vergräbt sich, mich stechend, in meiner rechten Armbeuge. Ich störe mich nicht daran. Wir hoch wir schon sind! Wie steil die Hänge am Wegesrand in die Tiefe ragen, wie weit mein Blick an kleinen Lichtung in die Ferne gehen kann. Wolkenbehangen sind die Hügel am weitenfernten Horizont. Vereinzelt blitzen in den Tälern kleine weiße Häuschen, mit roten Dächern und geziegelten Schornsteinen auf. Wie wohltuend ist mir das stille Gehen. Mein Lauf, ohne zu reden. Welch Segen diese Natur zu schauen an diesem lauen Sommertage. Selbst die Grashüpfer hört man hier durchs Laub springen. Mein Auge verfolgt den Flug sich jagender Libellen und Schmetterlinge. Die Freunde suchen unterdessen Wanderruten und blicken durch ihre Fernrohre in die Weite. An den Seiten wuchern wilde Farnengewächse und große, grüne Gräser und Büschel. Mein Ohr vernimmt das Rascheln der Eukalyptuszweige in ihren Wipfeln. Jetzt schlagen wir uns durch einen Trampelpfad. Es geht buchstäblich über Stock und über Stein. Ach, wäre ich allein, ich weinte Freudenstränen vor Seligkeit. Wie sehr die Natur vermag mir die Seele zu befreien. Die Jungen rollen verdörrte Pilzköpfe und Tannenzapfen über den trockenen Boden. In dieser Stille kann man sich ganz verloren fühlen und empfindet zugleich, als habe man alles gefunden. Im Beobachten der durch die Lüfte kreisenden Adler und Wanderfalken, erkenne ich unseren Freundschaftsbund an Stärke und Wahrhaftigkeit gewinnen. Wie von Sinnen bin, und doch ist mir alles so sinnig, alles ist stimmig und in einem Moment, da die Sonnenstrahlen durchs Gewölk brechen, erkenne ich: das hier bin ich! Ich verharre in diesem Begreifen, als müsste ich andächtig vor mich hin starren. Weiter vorne höre ich die Mädchen aufkreischen. Sie fürchten sich vor den Wespen und Zecken, die sich in den wildwachsenen Büschen verstecken. Als ich mich nähere, sehe ich sie ihre Arme und Beine nach Bissen und Stichen absuchen. Der Weg ist ganz verwachsen mit Pflanzen, die spitze Dornen haben, sodass wir umkehren müssen und wenig später zwei schwarze Pferde passieren, die bei einem steinernen Häuschen auf einer Weide grasen. Am Bretterzaun stehend, wiehern die Kinder zu den Gäulen herüber und pflücken gelbe und violette Blumen, die sie mit Grashalmen an ihre Wanderstäbe binden. Der Kleinste frohlockt. Er hat eine verlorene Vogelfeder gefunden und sie alsgleich an seine Gehhilfe gebunden. Vorhin bin ich vorweg gegangen, jetzt trabe ich hinten drein, und denke – nicht mit dem Kopf, sondern mehr wie einen Herzensgedanken – wie wundervoll und heilsam, kann doch ein Waldspaziergang sein! Beim Schreiben im Gehen gerate ich mir selbst in Vergessenheit. Ich denke nichts und mir ist, als schriebe nicht ich, sondern als sei's die Natur selbst, die durch meine Hand führt und durch mich diesen Text verfasst. Wer dies nicht verspürt, der verpasst etwas. Eine Ich-Losigkeit, ein Verschwinden im Dickicht, ein Verwachsen mit den uralten Baumwurzeln, ein Zurücksinken in Urzeiten, ein Eingehen und Verschmelzen mit der Ewigkeit. Ich weiß nicht, ist dies Wahn oder Wirklichkeit, doch wenn die Jungen mich herbei rufen um mir kleine Frösche zu zeigen, die durch das Moos hüpfen, dann füllen sich mir vor Freude meine Augenhöhlen mit Tränen an, weil ich erkenne, wie sehr ich gesegnet bin mit dieser Freundschaft. Später will ich ihnen Dank sagen und sie fragen, ob wir so etwas noch einmal machen können. Wir müssen eine Pause einlegen. Alle hungert's und die Füße brennen, doch bald schon sehe ich die Kinder die holprigen Wegen gen Tal herunter rennen. Beim Anblick eines toten Schmetterlings mit gelben Flügeln halten sie inne und bedauern lauthals sein Ableben. Welch bildhübsche Geschöpfe die Natur doch hervor bringt! Jetzt steigen wir große Steinstufen herab und bewundern kunstvoll bemalte Baumrinden. Aus bestimmten Winkeln kann man Formen in ihnen finden, die sich zu Bildern zusammen schieben. „Seht mal“, ruft einer der Jungen, „wie bunt sie die Stämme dort unten angestrichen haben.“ Ich sehe Figuren und Regenbögen und verschieden farbige Augen. Hier treffen wir andere Familien, deren Kinder sich raufen und zwischen den Kunstwerken umher laufen. Manche Bäume sind mit den Jahren so enorm gewachsen, dass die Figuren sich etwas verschoben haben und nicht mehr ganz ineinander passen. Die Mädchen wollen ein paar Fotos schießen, als Erinnerung wie wir hier unsere Routine durchbrachen. Einer der Jungen ist auf eine Hummel getreten. Wenn ich meinen Finger auf seinen Fußspann lege, kann ich ihr Vibrieren spüren. Er traut sich nicht seine Schuh zu heben. Da! Sie hatte sich im Waldboden eingegraben und fliegt nun davon. An einem Abhang wollen wir uns für ein Picknick zur Ruhe legen und im Liegen die sich im Winde wiegenden Baumkronen betrachten. Ich sitze auf einem gefällten Baumstamm und bewundere die kleinen krabbelnden Waldbewohner, die Nahrung suchend durch die Tannennadeln und abgeknickten Ästchen kriechen. Wie gut es hier riecht und wie still es ist! Während die Kinder Musik machen und lachen, blinzle ich in die sich senkende Nachmittagssonne, die durch die Zweige bricht und zwischen drin gezogene Spinnweben aufblitzen lässt. Ich lasse mich anstecken vom Gesang der Kinder und meinen Fuß im Takt wippen. Sie sind guter Dinge, tanzen, toben, singen und wollen herumschwirrende Fliegen fangen. Wie schön die Sonnenstrahlen ihr Haar zum Schimmern bringt! Eines der Mädchen fängt an zu frieren und wimmert. Sie haben ihre Sommerkleider angezogen und tragen offene Sandalen. Als wir den Rückweg antreten, müssen sie aufpassen, dass sie mit ihren Schläppchen an den herab führenden Trampelpfaden nicht abrutschen und sich wohlmöglich noch verletzen. Zurück an den steinernen Stufen, komme ich ins Prusten vor Anstrengung. Oben angekommen, reicht mir eines der Mädchen ein schattiges Plätzchen und ich muss lauthals lachen. Jetzt geht’s bergab. Vor der untergehenden Sonne, die den Himmel in wunderschöne Rottöne verfärbt, schieße ich eine leere Kastanienschale den nahe am Parkplatz verlegten Asphalt herunter. Dort angekommen legen sich die Kinder erschöpft auf aus schweren Steinblöcken errichtete Tische und Bänke. Welch Geschenk mir dieser Anblick ist. Würde ich augenblicklich sterben, so stürbe ich in dem Wissen, den Himmel geschaut zu haben. Lange nicht habe ich so voller Dankbarkeit dem Schöpfer mein Herz geöffnet, als Zeichen meiner Anerkennung für diese Vollkommenheit, diese Makellosigkeit. Wie benommen fühle ich mich. Wieder verschwimmt mir die Sicht und doch überkam es mich nie so klar wie in diesem dämmrigen Licht. Mir stockt der Atem und in meiner Brust geht ein Brausen, als sei ich eingetaucht in meinen eigenen Ozean, als die Erkenntnis mich überkommt, dass es nichts zu finden gilt, dass alles immer da ist. Von dieser Erleuchtung ergriffen, höre ich die Worte vor mich hinsagen: Wie außen, so innen!