Gerade wandern wir durch
ein Eukalypuswäldchen. Ich betrachte die vertrockneten Tannennadeln
und welken Blätter, die der Wind aufwirbelt und auf den Waldboden
segeln lässt. Plötzlich passieren wir einen zugewucherten kleinen
Pfad, der seitlich abführt und mir einen bösen Traum aus frühen
Kindestagen in Erinnerung ruft. Jahrelang hatte ich mich noch
gefürchtet vor dem Mann, der mich darin mit einem Messer in der Hand
verfolgte. Hier ist alles friedlich. Keine Gefahr droht mir. Wir
klettern einen steilen Hang hinauf. Die aus dem Boden ragenden
Baumwurzeln und kantigen Kiesel, erleichtern unsere Schritte. Mit
strammen, erhabenen Schritten wollen wir des Berges Spitze erklimmen.
Eine Bremse vergräbt sich, mich stechend, in meiner rechten
Armbeuge. Ich störe mich nicht daran. Wir hoch wir schon sind! Wie
steil die Hänge am Wegesrand in die Tiefe ragen, wie weit mein Blick
an kleinen Lichtung in die Ferne gehen kann. Wolkenbehangen sind die
Hügel am weitenfernten Horizont. Vereinzelt blitzen in den Tälern
kleine weiße Häuschen, mit roten Dächern und geziegelten
Schornsteinen auf. Wie wohltuend ist mir das stille Gehen. Mein Lauf,
ohne zu reden. Welch Segen diese Natur zu schauen an diesem lauen
Sommertage. Selbst die Grashüpfer hört man hier durchs Laub
springen. Mein Auge verfolgt den Flug sich jagender Libellen und
Schmetterlinge. Die Freunde suchen unterdessen Wanderruten und
blicken durch ihre Fernrohre in die Weite. An den Seiten wuchern
wilde Farnengewächse und große, grüne Gräser und Büschel. Mein
Ohr vernimmt das Rascheln der Eukalyptuszweige in ihren Wipfeln.
Jetzt schlagen wir uns durch einen Trampelpfad. Es geht buchstäblich
über Stock und über Stein. Ach, wäre ich allein, ich weinte
Freudenstränen vor Seligkeit. Wie sehr die Natur vermag mir die
Seele zu befreien. Die Jungen rollen verdörrte Pilzköpfe und
Tannenzapfen über den trockenen Boden. In dieser Stille kann man
sich ganz verloren fühlen und empfindet zugleich, als habe man alles
gefunden. Im Beobachten der durch die Lüfte kreisenden Adler und
Wanderfalken, erkenne ich unseren Freundschaftsbund an Stärke und
Wahrhaftigkeit gewinnen. Wie von Sinnen bin, und doch ist mir alles
so sinnig, alles ist stimmig und in einem Moment, da die
Sonnenstrahlen durchs Gewölk brechen, erkenne ich: das hier bin ich!
Ich verharre in diesem Begreifen, als müsste ich andächtig vor mich
hin starren. Weiter vorne höre ich die Mädchen aufkreischen. Sie
fürchten sich vor den Wespen und Zecken, die sich in den
wildwachsenen Büschen verstecken. Als ich mich nähere, sehe ich sie
ihre Arme und Beine nach Bissen und Stichen absuchen. Der Weg ist
ganz verwachsen mit Pflanzen, die spitze Dornen haben, sodass wir
umkehren müssen und wenig später zwei schwarze Pferde passieren,
die bei einem steinernen Häuschen auf einer Weide grasen. Am
Bretterzaun stehend, wiehern die Kinder zu den Gäulen herüber und
pflücken gelbe und violette Blumen, die sie mit Grashalmen an ihre
Wanderstäbe binden. Der Kleinste frohlockt. Er hat eine verlorene
Vogelfeder gefunden und sie alsgleich an seine Gehhilfe gebunden.
Vorhin bin ich vorweg gegangen, jetzt trabe ich hinten drein, und
denke – nicht mit dem Kopf, sondern mehr wie einen Herzensgedanken
– wie wundervoll und heilsam, kann doch ein Waldspaziergang sein!
Beim Schreiben im Gehen gerate ich mir selbst in Vergessenheit. Ich
denke nichts und mir ist, als schriebe nicht ich, sondern als sei's
die Natur selbst, die durch meine Hand führt und durch mich diesen
Text verfasst. Wer dies nicht verspürt, der verpasst etwas. Eine
Ich-Losigkeit, ein Verschwinden im Dickicht, ein Verwachsen mit den
uralten Baumwurzeln, ein Zurücksinken in Urzeiten, ein Eingehen und
Verschmelzen mit der Ewigkeit. Ich weiß nicht, ist dies Wahn oder
Wirklichkeit, doch wenn die Jungen mich herbei rufen um mir kleine
Frösche zu zeigen, die durch das Moos hüpfen, dann füllen sich mir
vor Freude meine Augenhöhlen mit Tränen an, weil ich erkenne, wie
sehr ich gesegnet bin mit dieser Freundschaft. Später will ich ihnen
Dank sagen und sie fragen, ob wir so etwas noch einmal machen können.
Wir müssen eine Pause einlegen. Alle hungert's und die Füße
brennen, doch bald schon sehe ich die Kinder die holprigen Wegen gen
Tal herunter rennen. Beim Anblick eines toten Schmetterlings mit
gelben Flügeln halten sie inne und bedauern lauthals sein Ableben.
Welch bildhübsche Geschöpfe die Natur doch hervor bringt! Jetzt
steigen wir große Steinstufen herab und bewundern kunstvoll bemalte
Baumrinden. Aus bestimmten Winkeln kann man Formen in ihnen finden,
die sich zu Bildern zusammen schieben. „Seht mal“, ruft einer der
Jungen, „wie bunt sie die Stämme dort unten angestrichen haben.“
Ich sehe Figuren und Regenbögen und verschieden farbige Augen. Hier
treffen wir andere Familien, deren Kinder sich raufen und zwischen
den Kunstwerken umher laufen. Manche Bäume sind mit den Jahren so
enorm gewachsen, dass die Figuren sich etwas verschoben haben und
nicht mehr ganz ineinander passen. Die Mädchen wollen ein paar Fotos
schießen, als Erinnerung wie wir hier unsere Routine durchbrachen.
Einer der Jungen ist auf eine Hummel getreten. Wenn ich meinen Finger
auf seinen Fußspann lege, kann ich ihr Vibrieren spüren. Er traut
sich nicht seine Schuh zu heben. Da! Sie hatte sich im Waldboden
eingegraben und fliegt nun davon. An einem Abhang wollen wir uns für
ein Picknick zur Ruhe legen und im Liegen die sich im Winde wiegenden
Baumkronen betrachten. Ich sitze auf einem gefällten Baumstamm und
bewundere die kleinen krabbelnden Waldbewohner, die Nahrung suchend
durch die Tannennadeln und abgeknickten Ästchen kriechen. Wie gut es
hier riecht und wie still es ist! Während die Kinder Musik machen
und lachen, blinzle ich in die sich senkende Nachmittagssonne, die
durch die Zweige bricht und zwischen drin gezogene Spinnweben
aufblitzen lässt. Ich lasse mich anstecken vom Gesang der Kinder und
meinen Fuß im Takt wippen. Sie sind guter Dinge, tanzen, toben,
singen und wollen herumschwirrende Fliegen fangen. Wie schön die
Sonnenstrahlen ihr Haar zum Schimmern bringt! Eines der Mädchen
fängt an zu frieren und wimmert. Sie haben ihre Sommerkleider
angezogen und tragen offene Sandalen. Als wir den Rückweg antreten,
müssen sie aufpassen, dass sie mit ihren Schläppchen an den herab
führenden Trampelpfaden nicht abrutschen und sich wohlmöglich noch
verletzen. Zurück an den steinernen Stufen, komme ich ins Prusten
vor Anstrengung. Oben angekommen, reicht mir eines der Mädchen ein
schattiges Plätzchen und ich muss lauthals lachen. Jetzt
geht’s bergab. Vor der untergehenden Sonne, die den Himmel in
wunderschöne Rottöne verfärbt, schieße ich eine leere
Kastanienschale den nahe am Parkplatz verlegten Asphalt herunter.
Dort angekommen legen sich die Kinder erschöpft auf aus schweren
Steinblöcken errichtete Tische und Bänke. Welch Geschenk mir dieser
Anblick ist. Würde ich augenblicklich sterben, so stürbe ich in dem
Wissen, den Himmel geschaut zu haben. Lange nicht habe ich so voller
Dankbarkeit dem Schöpfer mein Herz geöffnet, als Zeichen meiner
Anerkennung für diese Vollkommenheit, diese Makellosigkeit. Wie
benommen fühle ich mich. Wieder verschwimmt mir die Sicht und doch
überkam es mich nie so klar wie in diesem dämmrigen Licht. Mir
stockt der Atem und in meiner Brust geht ein Brausen, als sei ich
eingetaucht in meinen eigenen Ozean, als die Erkenntnis mich
überkommt, dass es nichts zu finden gilt, dass alles immer da ist.
Von dieser Erleuchtung ergriffen, höre ich die Worte vor mich
hinsagen: Wie außen, so innen!
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