Gerade wandern wir durch
ein Eukalypuswäldchen. Ich betrachte die vertrockneten Tannennadeln
und welken Blätter, die der Wind aufwirbelt und auf den Waldboden
segeln lässt. Plötzlich passieren wir einen zugewucherten kleinen
Pfad, der seitlich abführt und mir einen bösen Traum aus frühen
Kindestagen in Erinnerung ruft. Jahrelang hatte ich mich noch
gefürchtet vor dem Mann, der mich darin mit einem Messer in der Hand
verfolgte. Hier ist alles friedlich. Keine Gefahr droht mir. Wir
klettern einen steilen Hang hinauf. Die aus dem Boden ragenden
Baumwurzeln und kantigen Kiesel, erleichtern unsere Schritte. Mit
strammen, erhabenen Schritten wollen wir des Berges Spitze erklimmen.
Eine Bremse vergräbt sich, mich stechend, in meiner rechten
Armbeuge. Ich störe mich nicht daran. Wir hoch wir schon sind! Wie
steil die Hänge am Wegesrand in die Tiefe ragen, wie weit mein Blick
an kleinen Lichtung in die Ferne gehen kann. Wolkenbehangen sind die
Hügel am weitenfernten Horizont. Vereinzelt blitzen in den Tälern
kleine weiße Häuschen, mit roten Dächern und geziegelten
Schornsteinen auf. Wie wohltuend ist mir das stille Gehen. Mein Lauf,
ohne zu reden. Welch Segen diese Natur zu schauen an diesem lauen
Sommertage. Selbst die Grashüpfer hört man hier durchs Laub
springen. Mein Auge verfolgt den Flug sich jagender Libellen und
Schmetterlinge. Die Freunde suchen unterdessen Wanderruten und
blicken durch ihre Fernrohre in die Weite. An den Seiten wuchern
wilde Farnengewächse und große, grüne Gräser und Büschel. Mein
Ohr vernimmt das Rascheln der Eukalyptuszweige in ihren Wipfeln.
Jetzt schlagen wir uns durch einen Trampelpfad. Es geht buchstäblich
über Stock und über Stein. Ach, wäre ich allein, ich weinte
Freudenstränen vor Seligkeit. Wie sehr die Natur vermag mir die
Seele zu befreien. Die Jungen rollen verdörrte Pilzköpfe und
Tannenzapfen über den trockenen Boden. In dieser Stille kann man
sich ganz verloren fühlen und empfindet zugleich, als habe man alles
gefunden. Im Beobachten der durch die Lüfte kreisenden Adler und
Wanderfalken, erkenne ich unseren Freundschaftsbund an Stärke und
Wahrhaftigkeit gewinnen. Wie von Sinnen bin, und doch ist mir alles
so sinnig, alles ist stimmig und in einem Moment, da die
Sonnenstrahlen durchs Gewölk brechen, erkenne ich: das hier bin ich!
Ich verharre in diesem Begreifen, als müsste ich andächtig vor mich
hin starren. Weiter vorne höre ich die Mädchen aufkreischen. Sie
fürchten sich vor den Wespen und Zecken, die sich in den
wildwachsenen Büschen verstecken. Als ich mich nähere, sehe ich sie
ihre Arme und Beine nach Bissen und Stichen absuchen. Der Weg ist
ganz verwachsen mit Pflanzen, die spitze Dornen haben, sodass wir
umkehren müssen und wenig später zwei schwarze Pferde passieren,
die bei einem steinernen Häuschen auf einer Weide grasen. Am
Bretterzaun stehend, wiehern die Kinder zu den Gäulen herüber und
pflücken gelbe und violette Blumen, die sie mit Grashalmen an ihre
Wanderstäbe binden. Der Kleinste frohlockt. Er hat eine verlorene
Vogelfeder gefunden und sie alsgleich an seine Gehhilfe gebunden.
Vorhin bin ich vorweg gegangen, jetzt trabe ich hinten drein, und
denke – nicht mit dem Kopf, sondern mehr wie einen Herzensgedanken
– wie wundervoll und heilsam, kann doch ein Waldspaziergang sein!
Beim Schreiben im Gehen gerate ich mir selbst in Vergessenheit. Ich
denke nichts und mir ist, als schriebe nicht ich, sondern als sei's
die Natur selbst, die durch meine Hand führt und durch mich diesen
Text verfasst. Wer dies nicht verspürt, der verpasst etwas. Eine
Ich-Losigkeit, ein Verschwinden im Dickicht, ein Verwachsen mit den
uralten Baumwurzeln, ein Zurücksinken in Urzeiten, ein Eingehen und
Verschmelzen mit der Ewigkeit. Ich weiß nicht, ist dies Wahn oder
Wirklichkeit, doch wenn die Jungen mich herbei rufen um mir kleine
Frösche zu zeigen, die durch das Moos hüpfen, dann füllen sich mir
vor Freude meine Augenhöhlen mit Tränen an, weil ich erkenne, wie
sehr ich gesegnet bin mit dieser Freundschaft. Später will ich ihnen
Dank sagen und sie fragen, ob wir so etwas noch einmal machen können.
Wir müssen eine Pause einlegen. Alle hungert's und die Füße
brennen, doch bald schon sehe ich die Kinder die holprigen Wegen gen
Tal herunter rennen. Beim Anblick eines toten Schmetterlings mit
gelben Flügeln halten sie inne und bedauern lauthals sein Ableben.
Welch bildhübsche Geschöpfe die Natur doch hervor bringt! Jetzt
steigen wir große Steinstufen herab und bewundern kunstvoll bemalte
Baumrinden. Aus bestimmten Winkeln kann man Formen in ihnen finden,
die sich zu Bildern zusammen schieben. „Seht mal“, ruft einer der
Jungen, „wie bunt sie die Stämme dort unten angestrichen haben.“
Ich sehe Figuren und Regenbögen und verschieden farbige Augen. Hier
treffen wir andere Familien, deren Kinder sich raufen und zwischen
den Kunstwerken umher laufen. Manche Bäume sind mit den Jahren so
enorm gewachsen, dass die Figuren sich etwas verschoben haben und
nicht mehr ganz ineinander passen. Die Mädchen wollen ein paar Fotos
schießen, als Erinnerung wie wir hier unsere Routine durchbrachen.
Einer der Jungen ist auf eine Hummel getreten. Wenn ich meinen Finger
auf seinen Fußspann lege, kann ich ihr Vibrieren spüren. Er traut
sich nicht seine Schuh zu heben. Da! Sie hatte sich im Waldboden
eingegraben und fliegt nun davon. An einem Abhang wollen wir uns für
ein Picknick zur Ruhe legen und im Liegen die sich im Winde wiegenden
Baumkronen betrachten. Ich sitze auf einem gefällten Baumstamm und
bewundere die kleinen krabbelnden Waldbewohner, die Nahrung suchend
durch die Tannennadeln und abgeknickten Ästchen kriechen. Wie gut es
hier riecht und wie still es ist! Während die Kinder Musik machen
und lachen, blinzle ich in die sich senkende Nachmittagssonne, die
durch die Zweige bricht und zwischen drin gezogene Spinnweben
aufblitzen lässt. Ich lasse mich anstecken vom Gesang der Kinder und
meinen Fuß im Takt wippen. Sie sind guter Dinge, tanzen, toben,
singen und wollen herumschwirrende Fliegen fangen. Wie schön die
Sonnenstrahlen ihr Haar zum Schimmern bringt! Eines der Mädchen
fängt an zu frieren und wimmert. Sie haben ihre Sommerkleider
angezogen und tragen offene Sandalen. Als wir den Rückweg antreten,
müssen sie aufpassen, dass sie mit ihren Schläppchen an den herab
führenden Trampelpfaden nicht abrutschen und sich wohlmöglich noch
verletzen. Zurück an den steinernen Stufen, komme ich ins Prusten
vor Anstrengung. Oben angekommen, reicht mir eines der Mädchen ein
schattiges Plätzchen und ich muss lauthals lachen. Jetzt
geht’s bergab. Vor der untergehenden Sonne, die den Himmel in
wunderschöne Rottöne verfärbt, schieße ich eine leere
Kastanienschale den nahe am Parkplatz verlegten Asphalt herunter.
Dort angekommen legen sich die Kinder erschöpft auf aus schweren
Steinblöcken errichtete Tische und Bänke. Welch Geschenk mir dieser
Anblick ist. Würde ich augenblicklich sterben, so stürbe ich in dem
Wissen, den Himmel geschaut zu haben. Lange nicht habe ich so voller
Dankbarkeit dem Schöpfer mein Herz geöffnet, als Zeichen meiner
Anerkennung für diese Vollkommenheit, diese Makellosigkeit. Wie
benommen fühle ich mich. Wieder verschwimmt mir die Sicht und doch
überkam es mich nie so klar wie in diesem dämmrigen Licht. Mir
stockt der Atem und in meiner Brust geht ein Brausen, als sei ich
eingetaucht in meinen eigenen Ozean, als die Erkenntnis mich
überkommt, dass es nichts zu finden gilt, dass alles immer da ist.
Von dieser Erleuchtung ergriffen, höre ich die Worte vor mich
hinsagen: Wie außen, so innen!
"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."
Donnerstag, 11. September 2014
Freitag, 14. Februar 2014
Der Blinde
Heut sprach ich erneut einen Blinden an, sein verlorener Blick war auf mich gefallen. Ich bot ihm meine Hilfe an, er dankte und ich nahm ihn bei dem Arm. An meinem Ellenbogen, wollt er mich halten, so ginge es am besten. Zum Rathaus, wollte er, hieß er mich an, das läge auch auf meinem Richtungsplan und so hatten wir ein paar Minuten zusammen. Er war noch sehr jung und och nicht so furchtsam. Ich erzähle ihm von der blinden Frau aus der Bahn: "Fass meinen Hund lieber nicht an!", hatte sie mich angefahren. Schön sei er, sagte ich dann. Den Blinden erteilte ich den Rat, sich trotz seiner Blindheit nicht zu verschließen und, dass ich daran glaube, dass man in diesem Meer der Dunkelheit in das himmlische Bewusstsein aufgestiegen, doch etwas erkennen kann. Er meinte, er könne hell und dunkel noch unterscheiden, und ich dachte, dass es besser wäre, wenn er bald erkennt, dass eben dieser Unterschied es ist, der ihn vom Himmelreich trennt.
Donnerstag, 13. Februar 2014
Die Mumifizierung
Will mich nicht mit weißem Papiertuche schneuzen, Aloe-Vera für mein zartes Näschen benutzen, sondern mit den schwärzesten Fingern noch nach dem Dreck in meinem Gehirn graben. Durch die Löcher dringe ich in den Schacht hinein, bin wie ein Maulwurf in seiner Höhle, ein Grubenmann, eine Bergwacht und meißle die Brocken aus den dunklen Wänden. Dort ein Vorsprung, ein Eckstein im Gestrüpp, mag dies wohl der Torknauf sein? Brich's auf, brich's ab und decke auf, das dunkle Grab. Wie tief mag es wohl sein, wie hoch kann ich mich hinein bohren? Den feinsten und kleinsten Bohrer gewählt und Geduld und Muße walten lassen. Bis zum höchsten Punkt hervorgedrungen, stecken geblieben, das Hirn berührt, es angezapft und an einem seidenen dünnen Faden, mit viel Sinn und viel Willen zur Macht, das Unmögliche hevorgebracht. Und sieh den Schleim, den die Beute hinter sich her zieht, welch dickes Seil, der Anker ist's, ich hol ihn ein. Ein Fischer will ich sein, und mich selber fangen, und hab ich mich, wie kann ich mich freuen. Ich kappe die Tauen und schaue mich an, bin riesig für solch einen Winzling, ein Krümel, ja mehr kleiner Klumpen. Ich spiele mit mir, drücke mich, rolle mich, und schnipse mich in den Wind. Flieg, mein Kind, flieg! ruf ich der Aussaat hinter her, du ekliger Keim, du Unrat in mir, du Professor, Doktor, du Mann, du Männin, du Sünderin, du Weib!
Du Begierliche, du Zornige, du Traurige!
Du Begierliche, du Zornige, du Traurige!
Du Schuldtragende, Verschulderin, In-Versuchung-Geratene, Verräterin, Undankbare, Zuchtlose, Verdorbene, Verdörrte, Verfaulte, Verweste, Stinkende, von Schakalen Zerrissene, von Reihern Zerhackte, Fleischliche, Lüsternde, Hungrige, Durstige, Sehnende, Menschliche, Weibliche, Knabenhafte, Burschikose, Ängstliche, Rasende, Rennende, Flüchtige, Entselbsterin, Abtöterin, die Mutter-Gebärende, Mörderin, Selbstmörderin. Ich sollte sterben, doch wollte nicht, ich wollte leben, ich wollte etwas für mich, doch wie will man? Ich konnte es nicht, und allein diese Stille, dies Sich-Hingebens in die Nacht, in der keine Träne lief, nichts sich rührte, keine Reue, keine Scham mich befiel, da sollte der Wille in mir erwachen und als güldener Ring über meinem Haupte schweben. Dort schon hatte ich die Venus verlassen, fünf Nächte wachte ich, fünf Nächte ertrug ich den Schmerz der Zeit, und in diesem Leiden, wurd ich zum Saturn. Ein glühender Feuerball, ein Gott unter den Planeten, ein Gekrönter, ein Umringter, Bejubelter, Verehrter, Reich-Beschenkter, ein König in nacktem Gewande, ein Hilfloser, Zarter, Unbeharrter, Lächelnder, Schweigender, Ruhender, Ermüdeter, Sich-Zur-Ruhe-Begebender und alle kamen und wollte es sehen, das Wunder in den Laken liegend, bleich, aufgedunsen, aufgeschwommen das Gesicht, aufgequollen, quallenartig, glibbernd, die Haare im Fette badend, an dem die Götzer sich labten wie an heiligen Quellen, welch lüsterne Blicke in diesem Flüstern, das leis an mein Ohr dringt. Sie sehen mich an und sehen mich doch nicht, ich höre ihre Stimmen, doch ein Schleier liegt über meinen Augen, alles verschwommen, verschoben, ineinander verwoben, alles ein Gemisch aus Farben und Gesichtern, aus flackenden Lichtern und schleichenden Schatten. In welch Reich ward ich dort gedrungen! Jetzt erinnere ich mich, hier war alles wie eine Schaltzentrale, alles Maschine, alles verkabelt, vernetzt und sterilisiert. Dies bin ich nicht, sagte ich und erkannte die Täuschung. Alles Maya, alles verdreht, denn dies Auf und Ab auf dem Monitor, misst nicht meinen Herzschlag, das grüne Blinken ist ein Wetterleuchten in einer Vollmond-Nacht, der Himmel ist wolkenbehangen und färbt sich rasenfarbend. Und dort die schwarzen schwebenden Nachtgestalten sind nur krächzende Raben, die keinem schaden. Ich will sie betrachten. Über ihre Schwärze kann man nur staunen. Schwarzes Gefieder, Schnabel und Augen. Und die Meinen, die wollt ich mir entstauben, aufdass mir nichts mehr getrübt sein sollte. Ich wollte etwas, wollte etwas für mich, wollte Leben, wollte daran glauben, dass das Leben die Wahrheit ist, wollte nicht sterben, wollte die Kastration annehmen, sie nicht beweinen, wollte freudestahlend sein, und siehe! wie konnte ich, wie war ich des Strahlens befähigt worden, wie war ich emporgehoben auf des Berges Spitze um alles zu überblicken, in meinem Rasten, meinem Pausieren, sah ich meinen inneren Kampf, und zugleich wofür ich kämpfen sollte. Welch Anblick, welch Sonnenuntergang und himmlische Farbenpracht in diesem Leuchten. Und der Krieger stand, er stand andächtig, blinzelte nicht, zuckte nicht zusammen, wenn eine ihn in die Hand stach, wenn er niedergestochen wurde, und in die Knie um sich zu ergießen. Welch heilige Waschung im Kerzenschein. Ich wickelt mich in ein schwarzes Mönchsgewand, zog die Kaputze tief in die Stirn, hockte mich, umklammerte meine Knie, horchte, lauschte, quoll auf und sank zusammen, atmete aus und ein, war Atem, war Herzschlag, schwitzte, brütete, brannte, schmorrte, dünstete salzige Gerüche aus, wurd Wasser, wurd Meer, ging ein ins Meer, hielt den Atem an, schwamm, war Perlentaucher, meine Sicht verschwomm, Schweiß schmerzte in meinen Augen, ließ mich erblinden, verätzte mich, fraß mich auf, verschlang mich, meine Arme hatte ich um mich geschlungen, mich festgehalten, war mir nahe gekommen, mir nahe gewesen und hielt nun den Brandt nicht mehr aus. Ich entwand mich meiner Umarmung, löste meinen Griff, reckte mich, streckte mich, bäumte mich auf, ich wusch und wuchs und wurd' immer größer, das Dach zerschlug, alles brach zusammen, alles fiel, alles zerbarst unter mir, um mich her, ein Raunen und Zerbrechen, ein Stechekn in meiner Brust, wie tausendfache Nadelstiche die sprühenden Funken, und doch kein Zucken, keine Wimper sollte sich regen, kein Wimpernschlag, nackte Lider, nackte Glieder, ohne Kraft die Gliedmaßen.Schlaff noch hingen sie mir am Körper herunter, schlaff das Gewebe, doch wie stark der Geist! Welch Kampfansage in diesem Sterben, welch Wüten, welch Rasen, welch wütende Raserei und rasende Wut und doch: kein Ton! Kein Schnaufen, kein Toben, ncihts als Starrerei. Ich hatte mich zum Schweigen gebracht, hatte mich fast umgebracht, und ward in die Schlacht geworfen, wurd in Kasernen untergebracht, wurd geschlachtet, wie Vieh behandelt, aufgeschnitten, zugenäht, doch und platzte der schwarze Traum. Ein Tag lag vor mir, ein Tag, den ich leben durfte, ein Tag an dem ich diese Augen ansehen durfte, in sie versinken durfte. In mich wollt ich mich versenken, in mich eindringen und die bösen Keime aussaugen, sie ausrotten, sie ausräuchern, vergasen, abtöten, aus mir herausschneiden. Welch hübsches organisches Gebilde, war es nur nicht so erkrankt, könnten doch all seine Teile im Wechselspiel funktionieren! Man möge die Operation vorbereiten! Spielt die Walküre, hißt die Fahnen, lasset die Trompetn erklingen. Ein Kreuzzug soll es werden! Rollt die Dampfer heran, spannt die Pferdewagen, wir ziehen in die Lager. Ein Feuer brannte in meinen Augen, das Flackern der Kerzen spielte schleichende Schatten auf meine Linsen. Ich sah sie an, sah in sie hinein, drängte mich auf, drang in sie ein, wurde Schwärze, wurde Schattengestalt. Willst du wachsen, willst du gedeihen, so verneine nicht! Bejahe dich, liebe dich mit all deinen Tiefen, als deinen Geschwüren und Tumoren, nichts kannst du sein, als ein Lebendiger, nichts kannst du schaffen, nichts wissen, nichts erkennen: dies ist nicht die Zeit für Fragen, lebe und beweise deinen Willen in Wort und Tat. Zittere nicht, fürchte dich nicht, wähle nicht entweder oder, wähle den Kampf und kämpfe! Sei Athlet, sei Soldat, sei Wachsamer, Lauscher, Gehorchender, Folgsamer, Diener, und opfere dich! Verschreibe dich in den Dienst des Lebens und verkenne den Tod. Lass ihn sich schauen, lass ihn sich erkennen! Sieh ihn an! Blinzle nicht! Starre, verharre in deiner Starre, schreie nicht, sei ohne Regung und Affekte, lass das Begehren sein und doch sei ganz Begehren in deinem Versenken, versinke in dich, schwimme in dir, ertrinke in dir und an dir, und schmecke deine Süße. Erkenne deine Fülle, erfülle dich, erfülle dir dich, erfühle dich, wühle in dir, suhle dich, suche in dir, in deinen Eingeweiden, deinen Ausscheidungen, deinen Kotzbrocken, speie sie aus und verforme sie, mach aus Erbrochenem Philosophie, schreibe eine Sinfonie aus den schuppigen Hautfetzen, ertrage die Schmerzen, die seelischen Verletzungen, streichle die Narben und erfreue dich an ihnen wie an reichen Gaben. Mir wurd das Leben geschenkt, ein Reichtum wohnt mir inne. Nie wieder mich sorgen, nie wieder heimliche Dinge im Verborgenen betreiben, nie wieder Schmach und Spott befürchten, nie wieder fürchten, furchtlos sein, nicht Mut haben, Mut sein! Vollkommen angefüllt sein, Fülle sein, alles haben, nichts sein in alledem, denn wer nicht ist braucht der denn fürchten? Unsichtbar, ein Geist ohne Gestalt, ein Schatten ohne Umriss, abgeschnitten von der Welt, im All schwebend, wo nichts ist, wo keiner späht, keiner verdächtig herüber schaut, wo's ihm vor niemandem zu grauen braucht, denn hier ist bloß schwarzen Feld, dunkle Weite, Stille und Ewigkeit. Ach, wer hier ewiglich verweilt, wie lang wird ihn dort die Zeit, wie langweilt er sich zu Tode, in diese Tatenlosigkeit. Ständig nur kann er schauen, nur Zuschauer sein, nicht einwirken, nicht Agieren, aufdass jemand eine Reaktion zeigte, ihm einen Blick zuwarf, ihm zeigte, dass er ihn sehe, dass er verstehen, dass er in seinen Augen ein grißes Leid erblickt hätte und nun Mitleid empfände. Warum weinst du denn, meine Kleine? Ach, eine Frage, ein erstes Wort, eine erste Bedeutung, eine erste Begegnung, eine erster Zuwendung. Ich liebe!, sagt da die Kleine, ich weine vor Freude. Ach, das ist ja wunderbar, schwärmt der Fremde und will mich an seine Brust drücken. Da schreit die Kleine und strampelt und schlägt.
Mittwoch, 12. Februar 2014
Die Blinde
Gerade sah ich einen Hund
eine Träne verlieren
sein Herrchen
war blind
ein schwarzer Mischling
mit weißem Tragegurt
eine Träne verlieren
sein Herrchen
war blind
ein schwarzer Mischling
mit weißem Tragegurt
Dienstag, 11. Februar 2014
Das Auge dreht sich ja alles um
Den zweifelnden Blick will ich mir verwehren, jedes Zögern, jedes Zweifeln, nichts verneinen, alles als richtig ansehen. Die Konzentration soll wie ein Faden sein, der immer gespannt sein soll. Er darf nicht abreißen, darf nicht schlaff herunter hängen. Verliert er seine Spannung, hänge auch ich durch, ist er wie ein Drahtseil, verwandeln sich meine Nerven in Stahl. Eisig soll mein Blick sein, einen Punkt in der Ferne fixierend, als sei dort ein klares Bild, das er betrachtete. Ich will es mir erschaffen, will die fertige Arbeit vor mein inneres Auge projizieren, aufdass es sich in die Wirklichkeit drehe. Das Auge dreht sich ja alles um.
Montag, 10. Februar 2014
Die Teilung
Vielleicht ist es daran erst eine liebevolle Arbeit zu schreiben. Eine, die man verstehen kann, mit Bildern, für Kindermenschen, aber dann auch eine, ganze ohne Gefühl, wissenschaftlich um dann beide übereinander zu scheiben und um eins zu verschieben: Das Beste was man ist, kann man nicht haben, weil es ohne Gestalt ist: das Beste, was man hat ist das Nichts. Aber wer das Nichts in sich hat, weil es ihm zum Wissen geworden ist, indem er seinen Willen mit seiner ganzen Triebenergie darauf gewendet hat, der hat es und bejaht sich, wenn er auch weiß, dass niemand ihn nun mehr sehen kann. Er spaltet sich entzwei, aufdass er sich selbst zum Schutzschilde wird, als zweites Genie, das gebraucht wird, damit der Kampf, der in sich gegenstreitigen Vielheit fortgesetzt werden kann, und stirbt dort seinen letzten Tod. Unheil stehe ihm bevor, plagt ihn eine dunkle Vorahnung, doch inmitten der Liebe, im Sich-fallen-Lassen in den Anfang, in einer Resignation, einer Selbstverspottung, geschieht das Himmlische: die dunkle Vorahnung wird ihm helle! Er teilt sich erneut und wird vier!
Nichts ist außen
nichts ist innen
nichts ist unten
nichts ist oben
Nichts ist außen
nichts ist innen
nichts ist unten
nichts ist oben
Samstag, 18. Januar 2014
Stoppt das Gebären!
Wenn ich mich trau, wecke ich dein Vertrauen. Auch du traust dich was, aber was du dich traust ist nicht dein Wille, sondern meiner. Mein Wille steht immer im Widerspruch zu deinem, ist immer Angriff. Sag ich: "Einen schönen guten Morgen, wünsch ich", so spürst du in meinem Freundlichkeit keine Verachtung und tust daraufhin etwas Verachtenswertes, weil dein ganzes Sein noch auf einem dualistischem System beruht. Du wirst die Prospekte in den Kasten fürs Altpapier, anstatt sie einzeln zu verteilen. Ich verurteile dich nicht, denn sie landen eh alle im Müll, aber dein Wille zur Macht stört sich daran, denn er strebt stets nach Vollkommenheit und durch dein Handeln bist du mir aufgefallen. Ich sagte: "Danke!" und mit diesem Wort beginnt der Zweifel, denn dankbar ist dir dein Wille dafür nicht und zugleich doch, denn du willst sterben. Der Tod regiert, weil Leben regiert. Leben ist Wille zur Macht. Soll der Wille sterben, muss das Leben sterben. Wenn das Leben stirbt, ist der Tod besiegt. Stoppt das Gebären!
Der Mann der geben will, ist der gütige Gott, doch zugleich bemächtigt er sich der Frau, indem er sie zum Nehmen zwingt. Die Frau meint dem Mann etwas zu geben, aber nimmt immerzu. Der Mann beginnt nun zu ahnen, dass er etwas nimmt, es beginnt das männliche Schuldbewusstsein. Er nimmt der Frau die Möglichkeit der Erkenntnis, denn Erkenntnis hat sie durch den Mann. Der aber fängt nun an zu wünschen sie hätte sie auch ohne ihn. Ihm schwant, er will ja nur verschwinden, zurückkehren in den Schoß der Frau, dorthin wo all sein Leid begann, in der Hoffnung es würde dort gestillt und dort eben nur dort, ist alles Stille, nach der er sich immerzu sehnt. Soll das Leben sterben, muss die Sehnsucht sterben, muss Hoffnung sterben und die stirbt bekanntlich allerzuletzt. Mit dem Gleichstellen der Geschlechter stirbt die Welt. Das Ende aller Tage ist da, doch wir sollen uns nicht fürchten. Wer die Angst besiegt, erkennt, dass jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt, denn dann ist ewiges Leben, wenn der Wille zur Macht kein Weg mehr ist, sondern Ziel, wenn Wille Macht ist. Wille kann nur Macht werden, wenn keiner mehr etwas macht. Lasst uns verstecken, denn wer sagt, dass ich etwas mache, dass ich noch da bin, wenn keiner mich sieht, keiner mich hört, keiner meinen Duft vernimmt. Erst wenn ein jeder verschwunden ist, ohne zu sterben, ist der Tod überwunden, denn Tod bringt, der Wille zur Macht und dies ist ein Aktivsein. Da hier Nacht ist, ist dort Tag und solange Tag ist, wacht jemand. Alles muss schlafen, zur gleichen Zeit. Besser noch, oder vergleichbar gut, wenn alles wacht und keiner schläft, wenn alles schweigt und Stille herrscht, wenn nichts ist, außer Natur, dann ist die Vergebung da, denn nur in der Stille kommt die Mutter dazu sich selbst zu vernehmen.
Der Mann der geben will, ist der gütige Gott, doch zugleich bemächtigt er sich der Frau, indem er sie zum Nehmen zwingt. Die Frau meint dem Mann etwas zu geben, aber nimmt immerzu. Der Mann beginnt nun zu ahnen, dass er etwas nimmt, es beginnt das männliche Schuldbewusstsein. Er nimmt der Frau die Möglichkeit der Erkenntnis, denn Erkenntnis hat sie durch den Mann. Der aber fängt nun an zu wünschen sie hätte sie auch ohne ihn. Ihm schwant, er will ja nur verschwinden, zurückkehren in den Schoß der Frau, dorthin wo all sein Leid begann, in der Hoffnung es würde dort gestillt und dort eben nur dort, ist alles Stille, nach der er sich immerzu sehnt. Soll das Leben sterben, muss die Sehnsucht sterben, muss Hoffnung sterben und die stirbt bekanntlich allerzuletzt. Mit dem Gleichstellen der Geschlechter stirbt die Welt. Das Ende aller Tage ist da, doch wir sollen uns nicht fürchten. Wer die Angst besiegt, erkennt, dass jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt, denn dann ist ewiges Leben, wenn der Wille zur Macht kein Weg mehr ist, sondern Ziel, wenn Wille Macht ist. Wille kann nur Macht werden, wenn keiner mehr etwas macht. Lasst uns verstecken, denn wer sagt, dass ich etwas mache, dass ich noch da bin, wenn keiner mich sieht, keiner mich hört, keiner meinen Duft vernimmt. Erst wenn ein jeder verschwunden ist, ohne zu sterben, ist der Tod überwunden, denn Tod bringt, der Wille zur Macht und dies ist ein Aktivsein. Da hier Nacht ist, ist dort Tag und solange Tag ist, wacht jemand. Alles muss schlafen, zur gleichen Zeit. Besser noch, oder vergleichbar gut, wenn alles wacht und keiner schläft, wenn alles schweigt und Stille herrscht, wenn nichts ist, außer Natur, dann ist die Vergebung da, denn nur in der Stille kommt die Mutter dazu sich selbst zu vernehmen.
Freitag, 17. Januar 2014
Die Perle
Welch Perle fand ich heut!
Alles ist mir Natur und diese Begegnung im Zug glich einem puren Wunder. Hermann, heute drücktest du mir die Hand, nachdem ich dir meine Hochachtung ausgedrückt hatte. Gerade heute fand ich dich, fand in dir mich und dachte doch zugleich, dass ich wohl eher dein Freund sei, der Türke. Sein Lächeln entsprach mehr dem meinen oder vielleicht lags an seiner Zurückhaltung, seinem Zögern, am meisten an der Auswahl seiner Guitarre. Die war so viel mehr nach meinem Sinn. Nicht so schick, wie deine. Sie passte zu ihm, und deine zur dir, aber sie schien mit zu groß und Göksel sah ich lieber zu. Welch Friedenszug da diese Strecke fuhr, die ich jeden Tag fahre. Für diese Begegnung, so ist mir, war es alle Mühe wert. Ich glaube an Wunder, hatte ich noch zur Optikerin gesagt, glaube, dass ich mich wieder sehend machen kann. Und siehe, was ich heut gesehen, welch Wunder mir dort war geschehen!
Alles ist mir Natur und diese Begegnung im Zug glich einem puren Wunder. Hermann, heute drücktest du mir die Hand, nachdem ich dir meine Hochachtung ausgedrückt hatte. Gerade heute fand ich dich, fand in dir mich und dachte doch zugleich, dass ich wohl eher dein Freund sei, der Türke. Sein Lächeln entsprach mehr dem meinen oder vielleicht lags an seiner Zurückhaltung, seinem Zögern, am meisten an der Auswahl seiner Guitarre. Die war so viel mehr nach meinem Sinn. Nicht so schick, wie deine. Sie passte zu ihm, und deine zur dir, aber sie schien mit zu groß und Göksel sah ich lieber zu. Welch Friedenszug da diese Strecke fuhr, die ich jeden Tag fahre. Für diese Begegnung, so ist mir, war es alle Mühe wert. Ich glaube an Wunder, hatte ich noch zur Optikerin gesagt, glaube, dass ich mich wieder sehend machen kann. Und siehe, was ich heut gesehen, welch Wunder mir dort war geschehen!
Samstag, 11. Januar 2014
Freitag, 10. Januar 2014
Donnerstag, 9. Januar 2014
Freitag, 3. Januar 2014
"Hier bin ich und auch dort"
Lieber G,
Wer die Einheit erkannt hat, leidet fortan unter dem Bewusstsein
Teilhabe zu tragen an allem - Gutem wie Bösem.
Zu erkennen, dass jeder Moment vollkommenes Begehren in sich birgt, den Mut zu haben sich dort hinein fallen zu lassen, die Scham zu überwinden inmitten der Menge zum Höhepunkt zu kommen und dies genießen zu können, den Wunsch im Boden versinken zu wollen aufzugeben, die Dualität aufzugeben und das Leben zu wählen, dies alles ist nicht von heute auf morgen zu schaffen.
Die letzte Hürde, die zu überwinden ist, ist die Erkenntnis darüber, dass das Leben Leid ist.
Dahinter liegt Nirwana, liegt Himmelreich.
Schön zu lesen, wo du gerade stehst. Dies habe ich heute durchgemacht.
Nichts ist, erkannte ich.
Nichts ist jemals gewesen, alles wird nur, ohn' End.
Alles ist Bewegung.
Schwindel überkam mich.
Alles war laut, alles Chaos.
Angst überkam mich.
"Du bist so nah", hieß mich eine Stimme an.
"Ja, deswegen ja!" sagte ich vor mich hin, stutzte, blickte verstohlen um mich.
Keiner schien mich gehört zu haben.
"Es gibt nichts was dich fürchten braucht, denn alles bist du. Sieh zu den Wolken, wie sie ziehen und wisse: auch das bist du!"
Ich lächelte. Schön fand ich mich. Und ich erkannte meine Schönheit.
"Nichts brauch dir laut sein, nichts Chaos, denn alles ist auch Stille, auch Friede. Lausche nur auf das Schweigen in dir. Lausche geduldig, so wie du dem Wind lauschst, ihm nicht gebietest seine Stimme für dich zu erheben. Du nimmst ihn an mit seinem Schweigen, nimmst ihn wie er ist, willst ihn nicht ändern, maßt dir nicht an seinen Kurs zu bestimmen, so sei auch gegen dich selbst ganz ohne Erwartungen."
Erhaben, fühlte ich mich, erhaben, weil ich erkannte, dass dieser Moment gar nicht existierte.
Nur ich hatte ihn und ich hatte ihn, weil ich er war.
Ich bestieg den Zug, suchte mir einen freien Platz, setzte mich. Dort saß ein Vater mit seinem Kind. Er hielt es wie eine Trophäe. Ich merkte, dass er darauf achtete, ob ich das Kind betrachtete.
Ich tat es und lächelte. Da lächelte auch er.
Die gleiche Suche.
Einer wird Vater, der andere nicht.
Alle suchen das lächelnde Gesicht.
"Sieh doch, er hat sich aufgegeben für dich. Er will selbst lächeln, und wählt die Freude, durch dich."
"Aber indem seine Wahl auf mich fällt, wählt er da nicht doch nur sich selbst?"
Der Wille, ist im Moment wo er am stärksten ist zu unterdrücken, um ihn zu verlängern.
Ihn zu verlängern, ewiglich verlängern, ist große Weisheit, denn durch die Verlängerung ist nur ein Wille, auf den kein weiterer folgt.
Der Mensch gibt sich auf und wählt doch sich. Wählt Willen, wenn auch nur den einen.
"Wer ist weise? Was ist Weisheit?", fragte ich.
"Weise ist, wer weise zu wählen weiß."
Wer nicht Liebe wählt, ist gescheit, ist genügsam, aber nicht weise, denn der Weise weiß, dass er alles will und in der Liebe ist alles verborgen. In ihr steckt alles, steckt Atman und Brahman. Liebe ist das Tao. Das kleinste und größte. Und so wie im kleinsten alles enthalten ist, so hat er in der Liebe alles und braucht fortan nichts mehr zu wollen. Er schafft die Verlängerung, indem er sie aufgibt, gibt Willen auf, stirbt und sitzt nun zur Rechten Gottes. Der Himmel ist ihm wunderschön.
Alles ist wie immer.
Er kann nun zwischen den Welten springen wie ein seilchenspringendes Kind. Er sieht die Wellen kommen und hüpft freudig herüber. Alles ist ihm leicht, als sei er selbst Wolke. Klart auf, verdunkelt sich, zieht sich zusammen und bricht auf, weint sich aus, wird gewärmt vom Sonnenlicht, labt sich daran, schwebt und genießt, schweigt und bricht zusammen. Wird jeden Abend von den Engeln zu Bett gebracht, schläft und wacht. Liebt, bei Tag und bei Nacht.
Hier liegt Nirwana, liegt Himmelreich.
Nur durch die Liebe kommt er dort hin.
Wer aber die Liebe wählt, der wisse:
er wählt das Tao, er wählt Unendlichkeit, er wählt Kummer und Leid, wählt Einsamkeit und weiß:
"Will ich die Liebe schauen, muss ich in den sauren Apfel beißen."
Er schmeckt nach Fäulnis und Bitterkeit. Alles muss der Weise überkommen, jedes Gefühl der Welt.
Wie wird er hassen, neiden, Ekel empfinden, Wut ausdünsten, Furcht in seinen Magen eindringen lassen, den Tod spüren, ihn sehen, sich in ihm erkennen, seine Stimme vernehmen, die spricht:
"Mich musst du lieben, sonst liebst du nicht!"
Diesen Schmerz überkommen, diesen neuen Sinn, diesen Wahn, dieses Erwachen ertragen, diesen Tod erleiden und hinnehmen, das ist Verzweiflung, Bestürzung und tiefe Depression.
Die Traurigkeit birgt Schuld und die ward durch ihn, durch den Biss in die Fäulnis.
O welch Pein, zu fühlen
an allem schuld zu sein!
Alles ist durch mich,
und sieh doch,
alles ist so fürcherlich!
"Welch Verrat!", entspringt es ihm da.
"Die Liebe hielt nicht, was sie versprach. In die Hölle hat mich mein Wunsch verbannt."
Zerspringen will er vor Reue. Alles reut ihn, alles war falsch, alles Abstieg, alles Verführung, der er verfallen ward. Nicht Scham bloß, Schande überkommt ihn, übersäuert ihn, verbittert ihn, bringt ihn zum Schweigen, bis zu dem Tag, da die Liebe zu ihm spricht:
"Wählst du immer noch mich?"
Der Weise kniet nun nieder und senkt das Haupt vor seinem Herrn. Mit seiner Bejahung wählt er den Tod und wird beseelt, wird Seele, denn er vergibt. Vertraut, fällt voll Vertrauen und wird zum Ritter geschlagen.
Hier sticht dein Herz nicht mehr und stolpert nicht. Alles ist friedlich.
Er öffnet die Augen und sieht sein eigenes lachendes Kindergesicht.
"Du bist ich!", entfährt es ihm da.
"Ich hab' dich lieb, Papa!", sagt das Ich.
Da ist er in der Liebe, in der kein Begehren ist.
Er hat gefunden, den Vater und die Mutter, und erkennt in jedem Gesicht, in jedem Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht:
"Hier bin ich
und auch dort"
Gräme dich nicht, mein Freund. Wähle weiter die Liebe und du wirst erkennen: In ihr hast du alles.
Wer die Einheit erkannt hat, leidet fortan unter dem Bewusstsein
Teilhabe zu tragen an allem - Gutem wie Bösem.
Zu erkennen, dass jeder Moment vollkommenes Begehren in sich birgt, den Mut zu haben sich dort hinein fallen zu lassen, die Scham zu überwinden inmitten der Menge zum Höhepunkt zu kommen und dies genießen zu können, den Wunsch im Boden versinken zu wollen aufzugeben, die Dualität aufzugeben und das Leben zu wählen, dies alles ist nicht von heute auf morgen zu schaffen.
Die letzte Hürde, die zu überwinden ist, ist die Erkenntnis darüber, dass das Leben Leid ist.
Dahinter liegt Nirwana, liegt Himmelreich.
Schön zu lesen, wo du gerade stehst. Dies habe ich heute durchgemacht.
Nichts ist, erkannte ich.
Nichts ist jemals gewesen, alles wird nur, ohn' End.
Alles ist Bewegung.
Schwindel überkam mich.
Alles war laut, alles Chaos.
Angst überkam mich.
"Du bist so nah", hieß mich eine Stimme an.
"Ja, deswegen ja!" sagte ich vor mich hin, stutzte, blickte verstohlen um mich.
Keiner schien mich gehört zu haben.
"Es gibt nichts was dich fürchten braucht, denn alles bist du. Sieh zu den Wolken, wie sie ziehen und wisse: auch das bist du!"
Ich lächelte. Schön fand ich mich. Und ich erkannte meine Schönheit.
"Nichts brauch dir laut sein, nichts Chaos, denn alles ist auch Stille, auch Friede. Lausche nur auf das Schweigen in dir. Lausche geduldig, so wie du dem Wind lauschst, ihm nicht gebietest seine Stimme für dich zu erheben. Du nimmst ihn an mit seinem Schweigen, nimmst ihn wie er ist, willst ihn nicht ändern, maßt dir nicht an seinen Kurs zu bestimmen, so sei auch gegen dich selbst ganz ohne Erwartungen."
Erhaben, fühlte ich mich, erhaben, weil ich erkannte, dass dieser Moment gar nicht existierte.
Nur ich hatte ihn und ich hatte ihn, weil ich er war.
Ich bestieg den Zug, suchte mir einen freien Platz, setzte mich. Dort saß ein Vater mit seinem Kind. Er hielt es wie eine Trophäe. Ich merkte, dass er darauf achtete, ob ich das Kind betrachtete.
Ich tat es und lächelte. Da lächelte auch er.
Die gleiche Suche.
Einer wird Vater, der andere nicht.
Alle suchen das lächelnde Gesicht.
"Sieh doch, er hat sich aufgegeben für dich. Er will selbst lächeln, und wählt die Freude, durch dich."
"Aber indem seine Wahl auf mich fällt, wählt er da nicht doch nur sich selbst?"
Der Wille, ist im Moment wo er am stärksten ist zu unterdrücken, um ihn zu verlängern.
Ihn zu verlängern, ewiglich verlängern, ist große Weisheit, denn durch die Verlängerung ist nur ein Wille, auf den kein weiterer folgt.
Der Mensch gibt sich auf und wählt doch sich. Wählt Willen, wenn auch nur den einen.
"Wer ist weise? Was ist Weisheit?", fragte ich.
"Weise ist, wer weise zu wählen weiß."
Wer nicht Liebe wählt, ist gescheit, ist genügsam, aber nicht weise, denn der Weise weiß, dass er alles will und in der Liebe ist alles verborgen. In ihr steckt alles, steckt Atman und Brahman. Liebe ist das Tao. Das kleinste und größte. Und so wie im kleinsten alles enthalten ist, so hat er in der Liebe alles und braucht fortan nichts mehr zu wollen. Er schafft die Verlängerung, indem er sie aufgibt, gibt Willen auf, stirbt und sitzt nun zur Rechten Gottes. Der Himmel ist ihm wunderschön.
Alles ist wie immer.
Er kann nun zwischen den Welten springen wie ein seilchenspringendes Kind. Er sieht die Wellen kommen und hüpft freudig herüber. Alles ist ihm leicht, als sei er selbst Wolke. Klart auf, verdunkelt sich, zieht sich zusammen und bricht auf, weint sich aus, wird gewärmt vom Sonnenlicht, labt sich daran, schwebt und genießt, schweigt und bricht zusammen. Wird jeden Abend von den Engeln zu Bett gebracht, schläft und wacht. Liebt, bei Tag und bei Nacht.
Hier liegt Nirwana, liegt Himmelreich.
Nur durch die Liebe kommt er dort hin.
Wer aber die Liebe wählt, der wisse:
er wählt das Tao, er wählt Unendlichkeit, er wählt Kummer und Leid, wählt Einsamkeit und weiß:
"Will ich die Liebe schauen, muss ich in den sauren Apfel beißen."
Er schmeckt nach Fäulnis und Bitterkeit. Alles muss der Weise überkommen, jedes Gefühl der Welt.
Wie wird er hassen, neiden, Ekel empfinden, Wut ausdünsten, Furcht in seinen Magen eindringen lassen, den Tod spüren, ihn sehen, sich in ihm erkennen, seine Stimme vernehmen, die spricht:
"Mich musst du lieben, sonst liebst du nicht!"
Diesen Schmerz überkommen, diesen neuen Sinn, diesen Wahn, dieses Erwachen ertragen, diesen Tod erleiden und hinnehmen, das ist Verzweiflung, Bestürzung und tiefe Depression.
Die Traurigkeit birgt Schuld und die ward durch ihn, durch den Biss in die Fäulnis.
O welch Pein, zu fühlen
an allem schuld zu sein!
Alles ist durch mich,
und sieh doch,
alles ist so fürcherlich!
"Welch Verrat!", entspringt es ihm da.
"Die Liebe hielt nicht, was sie versprach. In die Hölle hat mich mein Wunsch verbannt."
Zerspringen will er vor Reue. Alles reut ihn, alles war falsch, alles Abstieg, alles Verführung, der er verfallen ward. Nicht Scham bloß, Schande überkommt ihn, übersäuert ihn, verbittert ihn, bringt ihn zum Schweigen, bis zu dem Tag, da die Liebe zu ihm spricht:
"Wählst du immer noch mich?"
Der Weise kniet nun nieder und senkt das Haupt vor seinem Herrn. Mit seiner Bejahung wählt er den Tod und wird beseelt, wird Seele, denn er vergibt. Vertraut, fällt voll Vertrauen und wird zum Ritter geschlagen.
Hier sticht dein Herz nicht mehr und stolpert nicht. Alles ist friedlich.
Er öffnet die Augen und sieht sein eigenes lachendes Kindergesicht.
"Du bist ich!", entfährt es ihm da.
"Ich hab' dich lieb, Papa!", sagt das Ich.
Da ist er in der Liebe, in der kein Begehren ist.
Er hat gefunden, den Vater und die Mutter, und erkennt in jedem Gesicht, in jedem Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht:
"Hier bin ich
und auch dort"
Gräme dich nicht, mein Freund. Wähle weiter die Liebe und du wirst erkennen: In ihr hast du alles.
Es grüßt dich,
Antares
Donnerstag, 2. Januar 2014
Herzenssprünge
Ach, Antares, meine Freude über das Gefühl der Einheit, mir scheint, ich kann es nur in unserem Beisammensein aufrecht erhalten. Deine Abwesenheit geht mir so zu Herzen, dass es mir ständig sticht und stolpert. Je größer die Spanne zwischen uns, desto heftiger dies Ziehen und Zerren in der Brust. Es ist mir Beweis wie sehr du mich bewegst. Du hast mich und nichts lieber will ich sein, als gepackt von dir.
Und doch bin ich immer noch hier und du dort. Wir sollten uns treffen inmitten dieser beiden Orte!
G
Und doch bin ich immer noch hier und du dort. Wir sollten uns treffen inmitten dieser beiden Orte!
G
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