"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Sonntag, 6. Mai 2012

Der Pirat


Er wollt mit dir reden, wollt sich erklären, dich ihn verstehen, ihn sehen machen.
Heut' kann er drüber lachen und ist ganz entzückt,
wenn er erkennt, dass ihn die Zeit ins Auge des Sturmes drückt,
und die Verwirrung in die Ferne rückt.
Welch Reifen, welch Lernen, welch Lockern und Entsteifen,
ist doch nicht alles mit Worten zu begreifen!
Er kann doch auch schweigen, er kann doch auch schlafen!,
warum sich also nicht seinen Körper zunutze machen.
Im Jahr des Drachen kann er zwar fliegen,
doch der Mensch ist kein Vogel und nicht bloß Ungeheuer.
Drum möge er seine Segel setzen und das Steuerrad fest gepackt halten.
Hebe er sein Glas und wünsche in den Wind:
„Möge mein Kompass die Richtung mir weisen!“
Er weiß es ohne es zu wissen:
Der braune Saft ist ein Zaubertrank, der ihm Zauberkraft verleiht.
Durch ihn wird er ins Wanken geraten,
doch sein Schwanken ist wie ein Dich umweben, 
seine Flügel verwandeln sich in Rankenplanzen,
die um dich her wachsen und dich umschlingen.
Erst in seinem Schweigen wird der Pirat erwachen, 
erst in seinem Sichergeben und Schwachzeigen wirst du seine Größe erkennen.
Sein Zittern und sein Beben wird dir beweisen, auch er muss speisen um zu leben.
Wie ist er da vermenschlicht und enthront, 
wenn ihn seine Dämonen verlassen
und die Rankenpflanzen zu Armen sich verwandeln.
„Captain, wir müssen handeln!“ ruft's von den Mästen, 
doch er ist beschworen und will sich nicht wehren,
denn er kann sich der Wahrheit nicht entziehen.
Der Tod ist nahe; er will ihn schauen!
Seine Augen sollen ihn sehen, sie wollen ihn sehen und sich verzehren nach ihm.
Du siehst ihn an und zögerst mit deinem Säbel ihn zu bezwingen, denn siehe!
Seine Augenhöhlen fangen an sich mit Schätzen zu füllen!
Da tropft es von seinen Wangen,
und das ganze Schiff fängt an sich in Gold zu hüllen.
Die Planken blitzen und blinken und alles erstrahlt.
„Wir sinken! Wir sinken!“ ruft's von den Mästen,
doch der Pirat sieht die Nebelschwaden sich lichten.
Mögest du über ihn richten und ihn dir Untertan machen.
Wie hat der Wahn da ein Ende,
denn mit deinen Gebärden lässt du es Licht werden in ihm. 
Ehrfürchtig gibt er sich geschlagen und sinkt auf die Knie:
„Dring' in mich ein, walte über mich, gestalte mich nach deinem Willen.“
Und in seinem Sich dir hingeben, entgleitet ihm jeder Sinn und jedes Wort.
Plötzlich ist ihm nichts mehr klar und wie geschieht ihm da!
Seine Kräfte erlahmen, 
er kann sich nicht halten und will sich nicht halten! 
an diesen Steinen, 
er muss fallen und will fallen! 
um in deinen Armen zu landen.
Hier will er stranden, hier will er seinen Anker auswerfen.
„Land in Sicht!“ ruft's von den Mästen
und die Matrosen mit ihren Fernrohren kommen herbei gelaufen.
„Captain, Captain, erwacht, erwacht!“
Da wird die Nacht des Piraten zum Tage
und er reibt sich verzweifelt die Augen.
O Weh, oh Weh! Seine Maiblume ist hölzern wie eh und je!
Ein Traum, ein Traum...ach bloß ein Traum!
Da wirft's ihn zu Boden und ruft aus ihm raus:

„Ich kann nicht glauben!

Ich will nicht glauben!“

Die Mannschaft schweigt still,
und die Stille dringt hin bis hinauf in die Mästen.
Sieh doch, wie ihm weiße Tränen aus den Augenhöhlen schießen!
Sie fließen über seine Wangen
und vermögen sein schwarzes Gesicht zu entstauben. 
Da erklingt das Flüstern des Windes
als des Kindes Blick wandert von einem zum andern:

Er sieht mich an!
Er sieht mich an!
wie einst mein Vater hat getan!

Welch Sturm, welch Dämmebrechen in diesem Schweigen!
Er füllt sie an und sie laufen über. Das hölzern Schiff wird golden wieder!
Hisst die Segel, schwenkt die Fahnen!
und tut es mit der Würde eines Piraten, dem die Meere seine Heimat sind.
Zum letzten Male werden wir Kompass und Karte befragen und seid euch gewiss,
wenn wir dort stranden wird uns das Erobernwollen abhanden kommen,
doch ich will mein Schiff verlassen ganz ohne Furcht
und mit meinem Spaten auf Schatzsuche gehen.
Greifst du mich an, so will ich meine Arme heben und mich ergeben.
Ich könnt dir davon schweben, 
doch mein Piraten-Dasein
soll mir nicht länger schwer wie ein Stein
auf meinem Rücken liegen. 
Ich will nicht mehr fliegen, mir solls nicht länger nur ums Siegen gehen. 
Wie ward mir einst der Gedanke zuwider, 
dass wir doch nichts als Maschinen sind, wenn wir einander so zu dienen sind, 
doch will ich in dir wohnen bleiben, muss ich dir fronen und dir zum Sohne werden.
Ich will mich nicht fürchten und mich weiter grämen. 

Ich will glauben!

Unterwerf' ich mich dir, so wirst du mich zum König küren
und mein Haupt mit der Krone kränzen.
Nie wieder soll Hass sich in meinem Herzen schüren,
nie wieder soll ich den Unterricht schwänzen.
Auch wenn mein Boot jetzt droht im Meer zu versinken,
ich will nicht länger dir nur von Weitem zuwinken,
sondern selbst zum Boote werden und in dich gleiten.
Dein Mich verwunden lässt mich zugrunde gehen,
doch wie funkeln ist mir dein Grund in seinen endlosen Weiten.
Hier hat meine Suche ein Ende und mein Schatz ist gefunden.
Hier kann ich gesunden und Kraft tanken in Armen und Beinen,
aufdass ich alsbald an den Wänden und Steinen empor fliege 
und meine Hände ansehend dein Dich eingezeichnet haben erkenne. 
Wie werd' ich weinen, wenns mich überkommt:
„Das sind meine Hände!“, werd' ich erst flüstern.
„Das sind meine Hände!“, und immer lauter vor mir hinsagen.
Ich bin Mensch und will wagen es zu sein.
Fortan, nehme ich es an.
Ach Engel, welch Wunder hast du an mir getan!

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