"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Mittwoch, 9. Mai 2012

Zweiter Brief

Lieber Freund,

ich danke dir für den Mut, den du mir zusprachest. Ich fühle mich jetzt gut bei dem Gedanken Francis nahe zu legen, welch göttlichen Segen sie für mich bedeutet. Ich muss dir so Recht geben: man sollte öfters mal was wagen, einfach mal sagen was man denkt und nicht immer Angst davor haben einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Dazu muss ich auch anfangen mehr an mich selbst zu glauben, muss mir immer wieder vor Augen führen, dass ich um Klassen besser sein kann als manch anderer Mann in meinen jungen Jahren. Ich will nicht mehr so viel mit Eigenlob sparen. Einst wurde mir vergewissert, vom Fuße bis zu den Haaren sei ich von ansehnlicher Gestalt. Seither schallt dieses Kompliment in meinen Ohren, und dringt durch all meine Poren direkt in mein Herz, das sich vor Entzücken kaum beruhigen kann. Doch in diesem Punkte scheint mein Verstand erhebliche Lücken aufzuweisen; es fällt mir schwer mich hochzupreisen, mich zu verstehen, mich als interessanten Menschen zu sehen, einfach zu mir selbst zu stehen und ein Gefühl von Zufriedenheit zu empfinden. Immer wieder kommen Zweifel auf und ich fang' an mich zu kritisieren. Dadurch schaff ich es nicht mich zu profilieren, geschweige denn zu profitieren von Bekanntschaften, die sich durchaus als nützlich erweisen könnten; da bleib ich haften an Unsicherheit und mangelndem Vertrauen, die sich in meiner Seele stauen und mir so oft den Mund verbieten. Ich will sie überwinden! Sie sollen verschwinden, diese Angst und Beklemmung in meiner Brust. Ich habe keine Lust mehr mich zu verstecken, mich ständig necken zu lassen, von meinen Kommilitonen, die hier nebenan wohnen. Es ist schlichtweg anmaßend und so langsam beginnt's mich rasend zu machen. Ich bin's jetzt leid und fest entschlossen dem ein Ende zu bereiten. Ein frischer Frohsinn überkommt mich auf diese Weise voran zu schreiten. Wie ein Pflänzchen, das langsam Sprossen entwickelt und anfängt zu gedeihen. Ich will vor die Türe treten und aus vollstem Halse in die weite Welt hinaus schreien, wie sehr sich die Dunkelheit in mir erhellt und dass sie mich erwarten möge. Dieser Brief soll mein erster Schritt sein. Wie gefallen dir meine Worte? Ich hoffe sie sind von der Sorte, der sich auch dein Verstand bisweilen bedient. Ich nahm mir vor mich in klarem und schlichtem Stile auszudrücken. Denkst du es wird ihre Seele in gleichem Maße entzücken wie liebste Schmeicheleien mir zuweilen das Herz erweichen? Sicherlich ist es dir zuwider mich in dieser Sache weiter zu beraten, aber ich wollt dir dennoch all dieses offenbaren. Du schriebst es sei dir schwer daran gelegen, dass ich wieder mehr lache und meine Regentage weniger werden. Hierbei könnte ich deine Hilfe sehr gebrauchen; um mehr will ich dich für den Moment nicht bitten. Ich wollte dich nur wissen lassen wie lodernd mein Herz wieder brennt. Aus etlichen Gründen habe ich dir zu danken, denn wiedermal vermochtest du es von Neuem zu entzünden. Niemals werd ich bereuen dich zu meinem engsten Freund gemacht zu haben. Dich kenn' ich am längsten von allen, und wie viel hätt' ich ohne dich versäumt was meine Person mit den Jahren geprägt.

Ich danke dir! Fühle dich umarmt von mir,

Dein Freund Gustave


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