"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Dienstag, 10. Dezember 2013

Der Sonnenwind

Lieber Freund, 
 
ich kann noch nicht fassen, welch Vorahnung ich beginne in der Tat bestätigt zu sehen...Ach, wünschte nicht jeder blind zu sein bei diesem Anblick! Doch der Schleier, wie wurd' er mir wahrhaftig von den Augen genommen und wie klar bekommt einer zu sehen, ganz so als hätte er immerzu blinzeln müssen um etwas zu erkennen. Mir ist, als schaute ich durch ein Fernrohr und könne mir alles, was mir so ganz ohne Struktur und Definition ward, heranholen wie einen Stern. Sieh doch, seine Kanten und Krater! Mich schaudert's ihn zu schauen! Denn wie tut sich mir da die Frage auf, ob er denn aus sich heraus leuchte oder nur Reflexion einer Strahlung ist, die von außen auf ihn einwirkt. Da ist sie, die Erinnerung! Und ich fragte mich alle Jugendjahre lang, was mir das Wissen über diese Welt denn erklären sollte. Wie könnt ich bei solch Erkenntnissen aus mir fahren vor Wut über mich selbst! Was bildete ich mir ein? Da erstarre ich plötzlich wie ein Bildnis, denn ist es nicht das was ich mir bin? Mein ganzes Sein, es ist mir nichts als ein Gemälde, eine Fiktion, eine Spiegelung meiner eigenen Einbildung! Ich war ja ganz verblendet von mir! Doch welch Verzweiflung! Ich wollte es sein! Denn lieber verblendet, als das zu schauen, was da so fassbar ist für diese und jene! Wie hatte ich es aber doch gespürt, so nahe und wie wurde mir angst und bange als ich es immer näher zu mir heran schleichen sah. Ich wollte die Augen verschließen, wie ein kleines Kind, das meint es würde nicht gesehen, wenn es, seine Handflächen über die Augenhöhlen haltend, sein Augenlicht in Dunkelheit ertränkt. Wie hab ich ihn angenommen diesen Gustave, ach, wie hab ich ihn geliebt...aber auch jenen dort? Du weißt jetzt, Gustave, er wird nicht weichen, hört er doch dein Atmen noch und weiß um deine Lebendigkeit. Du bist nicht tot! Erwache! Erwachse!
Und siehe, ich springe! Ich falle! Starr vor Angst in jenes Dunkel, was ich jahrelang als Silhouetten hatte wahrgenommen. Wie war mir mein Leben seither wie ein Kampf gegen die Schatten, in denen ich Fremde sah, die ihre Hände nach mir ausstreckten, und wie muss ich im Herannahen meine eigenen zehn Finger erkennen. O welch fürchterliche Wahrheit! Es sind meine Hände!, flüstere ich und kann es kaum lauter artikulieren aus Angst jemand könnte meinen Worten lauschen. Doch, ich weiß nun, es ist die Angst, die uns die Freiheit verwehrt. Angst, das zu schauen was dem Menschen das Schauerlichste ist. Ich will mich nicht fürchten! Und wenn mir jetzt noch die Stimme stockt, so will ich mir Mut antrinken. Bringt heran den Wein, heute wollen wir ganz ausgelassen sein! Nichts soll uns lähmen...Wie wohnt doch dem Wanken oft mehr Wahrheit inne als dem strammen Schritte! Ach, ich will's erlernen...irgendwann kann ich's, ganz ohne Rausch. Bis dahin, lasst uns trinken, damit ich mich selbst überwinde. Ach, ich möcht's immer lauter vor mir hin sagen. Die Wiederholung soll es nicht nur in mein Herz einbrennen, sondern auf Hirn und Haut und Haar! Es soll mir auf die Stirn gebrannt sein, aufdass ich immer mich erinnere, wen ich dort im Spiegel betrachte. Was red' ich...mehr noch: auf die Pupillen solls mir gestanzt sein, damit ich es noch sehe, wenn sich mein Gesicht so nahe an die kalte Scheibe heranschiebt, dass meine Augen sich zu einem dritten inmitten der Runzeln zusammen ziehen und die Inschrift zu überdecken suchen. Und sind meine Pupillen zu klein, lass es die Initialen sein! Ich kann sie entschlüsseln, denn hier ist wieder was, was ich bin, heut' nicht mehr Gärtner, Pianist oder Schreiberling...zu alledem bin Schlüsselmacher. Was sonst? Wie viel mehr kann ich finden in mir? Mir ist, als würde die Bewusstwerdung über den Reichtum meiner innerster Bildung mich zurück zum Ursprung bringen. Aber nicht nur meines, sondern für wahr...zum Ursprung allen Lebens! Wie mein ich bisweilen bemächtigt zu sein zurückzufühlen zum tiefsten Kern, nicht meiner eigenen Seele, sondern dem Kern dieses Erdenrunds, auf dem ich gelandet bin. Ich spüre mich, Antares! Ich spüre mich und dich und alle, die mich umgeben, wie viel mehr noch die, die mir fehlen! Wie sehr du mir fehlst, ich kann es nicht äußern. Wie felsenfest und eben so stumm ruht mein Innerstes! Wie ist es gebildet. Sind meine Lehrjahre damit wirklich vorüber? Bin ich nun ausgebildet oder ist die innere Bildung der Ausbildung nicht gar Voraussetzung? Ich bin ja noch ein Wüstenplanet. Bilde dich aus, bilde dich heraus, verbildliche dich, projiziere dich, Gustave! Scheue dich nicht, blühe! Der Himmel meint es gut mit dir...sieh doch, ein Sturm zieht auf. Fürchte dich nicht vor seinem Wüten! Du bist Gewächs...ersehne die Sintflut! Sie wird dich überfluten, doch reich wird die Ernte sein. So und nicht minder, muss ich nun immer wieder das Wort an mich richten, wie einer, der in niemandem einen Lehrer sehen will, außer in sich selbst. Doch wie bin ich im Erkennen, dass dieses eben die eigentliche Einbildung ward, der ich so lange verfallen! Die Welt bildet mich, Antares! Es ist die Welt! Nicht ich selbst, ach wie nahe ist mir da plötzlich ein jeder und allesamt ohne es zu bemerken. Was auch der geringste von ihnen mir entgegen bringt, bereichert mich gleich dem, der sich mir am nächsten wähnt. O wie lieb ich!
Wie fühle ich mich empor gehoben durch diese Liebe, nicht nur ein Stückchen, sondern hoch hinaus in andere Spähren, als sei ich Herrscher über die Gezeiten. Ja, du wirst lachen, doch wenn es Nacht wird und der Mond hoch am Himmel steht, da vermag ich bisweilen in ihm mein eigen Gesicht zu erkennen. Wie dunkel sind seine Augenhöhlen! Und da betrachte ich wieder meine Hände und frage mich wie viel kleiner sie wohl sind, als jene riesigen schattenhaften Ruinen. Wie winzig sind sie mir da! Und doch, erkennt der Mensch seine Winzigkeit gegen das was da um ihn ist, wie lässt ihn eben das erwachsen, da es ihn überkommt: Was meinen Händen an Größe fehlt, vermag meine Seele auszugleichen. Wie ist der Bann gebrochen, wie wird mir der Fluch zum Segen. Ich bin frei, Antares, frei von Armseligkeit!
Der Mond, er ward einst ein Feuerball, doch ist zu Gestein geworden.
Kannst du ihn sehen, den Mann im Mond? Mir ist er so grausig wie ein Totenschädel, doch ich will ihn betrachten. Hat er sich meiner je bemächtigt, hat er je gewütet in mir und nichts als Verwüstung zurückgelassen? Ja, er ist mir wie mein eigenes Grab! Genug! Wer keine Bezeichnung für sich findet, nehme die Bezeichnungen und überprüfe sie auf ihre Kongruenz mit seiner Seele. Wenn ich eins nicht sein will, dann ist's Totengräber!
Wie sehr ich mich auch dem Glauben hingeben will, dass die Zeit die Ewigkeit sei, wird sie es doch erst, wenn ich der Endlichkeit meiner Hände bewusst werde und ihr Zur-Asche-werden annehme. Ach, Antares, mich bangt's, ich weine. Sie sollen nicht bis auf die Knochen verfaulen und nichts in dieser Welt zurücklassen, wenn es so sein soll, dass ich von ihr gehe. Ich will nicht sterben, und doch ich weiß, ich werde. Bist du je darüber verzweifelt? Dass all das was ist, irgendwann nicht mehr sein wird? Doch wie hab ich mir mit diesem Gedanken eine eigene Welt, und somit meine eigene Hölle geschaffen. Stell dir vor, für immer allein, in Dunkelheit verloren und verschollen, jedes Fünkchen Hoffnung auf Erlösung oder Tod wird gleich im Ansatz erstickt, weil dir bewusst wird, dass genau das hier die Ewigkeit ist. Und dann kam Francis! Wie hat sie mich erweckt! Und wie wach war ich da plötzlich, wie hab ich gezittert am ganzen Leibe, als ich sie anblickte und sie mir im Mondesschein so madonnenhaft wurde. Das war mir so irdisch, so körperlich, so greifbar, dass ich es tatsächlich fassen konnte, denn sie lag neben mir, Antares. Ich blieb ganz stumm als meine Hände sie berührten und nicht ins Leere griffen. Sie war mir wie ein Engel...ein Engel auf Erden! Ich lebe, ich lebe! Doch wenn ich jetzt lebe, was wird sein, wenn ich sterbe? Wenn das hier das Himmelreich ist, wohin werde ich einkehren nach dem Tode? Ich weiß jetzt, nicht jede Welt wird sterben, wenn ich nicht mehr bin. Wenn ich verglühe und auskühle, wird es weiter blühen in diesen Straßen. Da werden Menschen wandeln und die Bäume werden nicht aufhören sind im Winde zu neigen. Ich bin nur dieser oder jener...nur einer von vielen. Ach, und wie viele wird es geben, die gar meinen Namen tragen. Hast du jemals einen getroffen, der sich dir vorstellte, als grüßte er dich? Oder hast du jemals einen getroffen, der das Licht dieser Welt am selben Tag wie du erblicktest? Meinst du es gibt da einen, dessen erster Schrei wie ein Echo auf meinen ward? Ach, wie würd ich für ihn empfinden wie für einen Zwilling!
Oder bin ich mir gar mein eigener Zwilling?
Da ist sie, Antares, das ist die einzige Frage, die der Mensch beantwortet haben will und wie bildete sich die Antwort in mir heraus in den vergangenen Tagen. Aus den verschwommenen Farben werden Silhouetten, aus Schattenbildern Formen und aus den Formen eben bilde sich jeder was er mag! Wie bin ich da im Erwachsen, wenn ich mich mit den Bauklötzchen spielen sehe. Mein Werden, ich kann es doch nun selbst bestimmen, indem ich mir zum Vater werde. Ich kann mich bei der Hand nehmen und sagen: Hier mein Kind, nimm diesen Stift und dieses Papier und bring sie irgend zusammen! Siehst du, wie ich lerne die Zusammenhänge zu erkennen? Wie ich plötzlich verstehe, welche Farben zusammen gehören und welche Formen? Da will ich gar mich selbst umarmen und mir mein Köpfchen streicheln. Ist er nicht eine Wonne, unser Gustave?, höre ich mich sagen, während ich ein Püppchen in den Armen halte und es im Tanze hin-und herwiege. Hast du diese Liebe je gekannt? Wie gönn' ich dir sie zu empfinden. Mein verträumter Blick kommt mir gleich dem derer, die wahrhaftig ein Kindlein in Armen halten. Wie ahne ich es zu fassen. Der Traum mich zu zerteilen, mir einen Zwilling zu gebären, er schlummert in mir. Ich glaube es nicht nur, ich weiß es! So deutlich wie meine Hände habe ihn gesehen. Doch bis ich mir den ersten von dreien erwählen kann, muss ich die anderen beiden gefunden haben. Wer wird sich dann mit mir vereinen? Ist es Francis, oder bist du es, Antares?
Denn wenn es das ist, was die Menschen als höchste Empfindung bezeichnen, so reicht's doch nicht im geringsten an den Wert, mit dem ich dir zutan bin. Niemandem will ich ewige Treue schwören als dir, denn die wahre Liebe, sie ist mir so frei von körperlichen Verlangen, so rein und wahr wie ich sie für niemandem aufbringen kann als dich. Dies mag recht sonderlich für dich klingen, doch ich will es heraus sagen wie es ist und es ist!, wahrhaftig!...es ist, so wie meine Hand ist und mein Hirn. Mein Herz, ich kann es nicht fassen und doch weiß ich, es ist da! Du Antares, bist der einzige, der mir immerzu blüht, ob fern oder nah, denn du bist mir der hellste Stern am Himmelszelt meines Herzens und das Wissen darüber habe ich immerzu geahnt, nur war ich stets bemüht es mit aller Macht zu vergessen. Ich wollte Reißaus nehmen und entfliehen in diese Welt, von der mir so wunderlich zu Ohren kam, von der alles so schwärmend zu berichten weiß, doch eine Welt ohne dich, sie ist mir nicht real. Denn ich weiß noch als ich dich zum ersten Mal sah, du warst mir wie eine Erlösung, wie ein Licht in dunkler Nacht, das vermochte mir alles zu erleuchten, auf dass kein Schatten mehr wohnen sollte in mir. Wäre es nicht um dich, so wäre ich längst nicht mehr hier; ich kannte dich, noch bevor ich dich kannte, denn auf niemand anderen als dich hatte ich gehofft und niemand anderen als dich hatte ich mir gewünscht. Du bist mir wahr geworden...schon damals, ich sah es und wollte niemals mehr weichen von deiner Seite, doch durch die Ferne, die uns nun trennt, in die ich mich auf meinen eigenen Beinen begeben habe, sehe ich es wie es mir in deiner Nähe nie hätte einleuchten können. Du bist eben der Stern, der mir die Nacht zum Tage werden lässt, du bist die Sonne und ich bin der Wind. Das himmlische Kind, ich hab es gefunden...in dir! Ach, wie wahr, wie wird mir das Leben da wunderbar! Zusammen sind wir der Sonnenwind, der diesen Planeten beschützen wird, wenn sich alles umkehrt und wendet. Ach, welch gutes Ende steht uns bevor!

In ewiger Liebe, 
 
G

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