Lieber
Freund,
ich
kann noch nicht fassen, welch Vorahnung ich beginne in der Tat
bestätigt zu sehen...Ach, wünschte nicht jeder blind zu sein bei
diesem Anblick! Doch der Schleier, wie wurd' er mir wahrhaftig von
den Augen genommen und wie klar bekommt einer zu sehen, ganz so als
hätte er immerzu blinzeln müssen um etwas zu erkennen. Mir ist, als
schaute ich durch ein Fernrohr und könne mir alles, was mir so ganz
ohne Struktur und Definition ward, heranholen wie einen Stern. Sieh
doch, seine Kanten und Krater! Mich schaudert's ihn zu schauen! Denn
wie tut sich mir da die Frage auf, ob er denn aus sich heraus leuchte
oder nur Reflexion einer Strahlung ist, die von außen auf ihn
einwirkt. Da ist sie, die Erinnerung! Und ich fragte mich alle
Jugendjahre lang, was mir das Wissen über diese Welt denn erklären
sollte. Wie könnt ich bei solch Erkenntnissen aus mir fahren vor Wut
über mich selbst! Was bildete ich mir ein? Da erstarre ich plötzlich
wie ein Bildnis, denn ist es nicht das was ich mir bin? Mein ganzes
Sein, es ist mir nichts als ein Gemälde, eine Fiktion, eine
Spiegelung meiner eigenen Einbildung! Ich war ja ganz verblendet von
mir! Doch welch Verzweiflung! Ich wollte es sein! Denn lieber
verblendet, als das zu schauen, was da so fassbar ist für diese und
jene! Wie hatte ich es aber doch gespürt, so nahe und wie wurde mir
angst und bange als ich es immer näher zu mir heran schleichen sah.
Ich wollte die Augen verschließen, wie ein kleines
Kind, das meint es würde nicht gesehen, wenn es, seine Handflächen
über die Augenhöhlen haltend, sein Augenlicht in Dunkelheit
ertränkt. Wie hab ich ihn angenommen diesen Gustave, ach, wie hab
ich ihn geliebt...aber auch jenen dort? Du weißt jetzt, Gustave, er
wird nicht weichen, hört er doch dein Atmen noch und weiß um deine
Lebendigkeit. Du bist nicht tot! Erwache! Erwachse!
Und siehe, ich springe! Ich falle!
Starr vor Angst in jenes Dunkel, was ich jahrelang als Silhouetten
hatte wahrgenommen. Wie
war mir mein Leben seither wie ein Kampf gegen die Schatten, in denen
ich Fremde sah, die ihre Hände nach mir ausstreckten, und wie muss
ich im Herannahen meine eigenen zehn Finger erkennen. O welch
fürchterliche Wahrheit! Es sind meine Hände!, flüstere ich und
kann es kaum lauter artikulieren aus Angst jemand könnte meinen
Worten lauschen. Doch, ich weiß nun, es ist die Angst, die uns die
Freiheit verwehrt. Angst, das zu schauen was dem Menschen das
Schauerlichste ist. Ich will mich nicht fürchten! Und wenn mir jetzt
noch die Stimme stockt, so will ich mir Mut antrinken. Bringt heran
den Wein, heute wollen wir ganz ausgelassen sein! Nichts soll uns
lähmen...Wie wohnt doch dem Wanken oft mehr Wahrheit inne als dem
strammen Schritte! Ach, ich will's erlernen...irgendwann kann ich's,
ganz ohne Rausch. Bis dahin, lasst uns trinken, damit ich mich selbst
überwinde. Ach, ich möcht's immer lauter vor mir hin sagen. Die
Wiederholung soll es nicht nur in mein Herz einbrennen, sondern auf
Hirn und Haut und Haar! Es soll mir auf die Stirn gebrannt sein,
aufdass ich immer mich erinnere, wen ich dort im Spiegel betrachte.
Was red' ich...mehr noch: auf die Pupillen solls mir gestanzt sein,
damit ich es noch sehe, wenn sich mein Gesicht so nahe an die kalte
Scheibe heranschiebt, dass meine Augen sich zu einem dritten inmitten
der Runzeln zusammen ziehen und die Inschrift zu überdecken suchen.
Und sind meine Pupillen zu klein, lass es die Initialen sein! Ich
kann sie entschlüsseln, denn hier ist wieder was, was ich bin, heut'
nicht mehr Gärtner, Pianist oder Schreiberling...zu alledem bin
Schlüsselmacher. Was sonst? Wie viel mehr kann ich finden in mir?
Mir ist, als würde die Bewusstwerdung über den Reichtum meiner
innerster Bildung mich zurück zum Ursprung bringen. Aber nicht nur
meines, sondern für wahr...zum Ursprung allen Lebens! Wie mein ich
bisweilen bemächtigt zu sein zurückzufühlen zum tiefsten Kern,
nicht meiner eigenen Seele, sondern dem Kern dieses Erdenrunds, auf
dem ich gelandet bin. Ich spüre mich, Antares! Ich spüre mich und
dich und alle, die mich umgeben, wie viel mehr noch die, die mir
fehlen! Wie sehr du mir fehlst, ich kann es nicht äußern. Wie
felsenfest und eben so stumm ruht mein Innerstes! Wie ist es
gebildet. Sind meine Lehrjahre damit wirklich vorüber? Bin ich nun
ausgebildet oder ist die innere Bildung der Ausbildung nicht gar
Voraussetzung? Ich bin ja noch ein Wüstenplanet. Bilde dich aus,
bilde dich heraus, verbildliche dich, projiziere dich, Gustave!
Scheue dich nicht, blühe! Der Himmel meint es gut mit dir...sieh
doch, ein Sturm zieht auf. Fürchte dich nicht vor seinem Wüten! Du
bist Gewächs...ersehne die Sintflut! Sie wird dich überfluten, doch
reich wird die Ernte sein. So und nicht minder, muss ich nun immer
wieder das Wort an mich richten, wie einer, der in niemandem einen
Lehrer sehen will, außer in sich selbst. Doch wie bin ich im
Erkennen, dass dieses eben die eigentliche Einbildung ward, der ich
so lange verfallen! Die Welt bildet mich, Antares! Es ist die Welt!
Nicht ich selbst, ach wie nahe ist mir da plötzlich ein jeder und
allesamt ohne es zu bemerken. Was auch der geringste von ihnen mir
entgegen bringt, bereichert mich gleich dem, der sich mir am nächsten
wähnt. O wie lieb ich!
Wie
fühle ich mich empor gehoben durch diese Liebe, nicht nur ein
Stückchen, sondern hoch hinaus in andere Spähren, als sei ich
Herrscher über die Gezeiten. Ja, du wirst lachen, doch wenn es Nacht
wird und der Mond hoch am Himmel steht, da vermag ich bisweilen in
ihm mein eigen Gesicht zu erkennen. Wie dunkel sind seine
Augenhöhlen! Und da betrachte ich wieder meine Hände und frage mich
wie viel kleiner sie wohl sind, als jene riesigen schattenhaften
Ruinen. Wie winzig sind sie mir da! Und doch, erkennt der Mensch
seine Winzigkeit gegen das was da um ihn ist, wie lässt ihn eben das
erwachsen, da es ihn überkommt: Was meinen Händen an Größe fehlt,
vermag meine Seele auszugleichen. Wie ist der Bann gebrochen, wie
wird mir der Fluch zum Segen. Ich bin frei, Antares, frei von
Armseligkeit!
Der
Mond, er ward einst ein Feuerball, doch ist zu Gestein geworden.
Kannst
du ihn sehen, den Mann im Mond? Mir ist er so grausig wie ein
Totenschädel, doch ich will ihn betrachten. Hat er sich meiner je
bemächtigt, hat er je gewütet in mir und nichts als Verwüstung
zurückgelassen? Ja, er ist mir wie mein eigenes Grab! Genug! Wer
keine Bezeichnung für sich findet, nehme die Bezeichnungen und
überprüfe sie auf ihre Kongruenz mit seiner Seele. Wenn ich eins
nicht sein will, dann ist's Totengräber!
Wie
sehr ich mich auch dem Glauben hingeben will, dass die Zeit die
Ewigkeit sei, wird sie es doch erst, wenn ich der Endlichkeit meiner
Hände bewusst werde und ihr Zur-Asche-werden annehme. Ach, Antares,
mich bangt's, ich weine. Sie sollen nicht bis auf die Knochen
verfaulen und nichts in dieser Welt zurücklassen, wenn es so sein
soll, dass ich von ihr gehe. Ich will nicht sterben, und doch ich
weiß, ich werde. Bist du je darüber verzweifelt? Dass all das was
ist, irgendwann nicht mehr sein wird? Doch wie hab ich mir mit diesem
Gedanken eine eigene Welt, und somit meine eigene Hölle geschaffen.
Stell dir vor, für immer allein, in Dunkelheit verloren und
verschollen, jedes Fünkchen Hoffnung auf Erlösung oder Tod wird
gleich im Ansatz erstickt, weil dir bewusst wird, dass genau das hier
die Ewigkeit ist. Und dann kam Francis! Wie hat sie mich erweckt! Und
wie wach war ich da plötzlich, wie hab ich gezittert am ganzen
Leibe, als ich sie anblickte und sie mir im Mondesschein so
madonnenhaft wurde. Das war mir so irdisch, so körperlich, so
greifbar, dass ich es tatsächlich fassen konnte, denn sie lag neben
mir, Antares. Ich blieb ganz stumm als meine Hände sie berührten
und nicht ins Leere griffen. Sie war mir wie ein Engel...ein Engel
auf Erden! Ich lebe, ich lebe! Doch wenn ich jetzt lebe, was wird
sein, wenn ich sterbe? Wenn das hier das Himmelreich ist, wohin werde
ich einkehren nach dem Tode? Ich weiß jetzt, nicht jede Welt wird
sterben, wenn ich nicht mehr bin. Wenn ich verglühe und auskühle,
wird es weiter blühen in diesen Straßen. Da werden Menschen wandeln
und die Bäume werden nicht aufhören sind im Winde zu neigen. Ich
bin nur dieser oder jener...nur einer von vielen. Ach, und wie viele
wird es geben, die gar meinen Namen tragen. Hast du jemals einen
getroffen, der sich dir vorstellte, als grüßte er dich? Oder hast
du jemals einen getroffen, der das Licht dieser Welt am selben Tag
wie du erblicktest? Meinst du es gibt da einen, dessen erster Schrei
wie ein Echo auf meinen ward? Ach, wie würd ich für ihn empfinden
wie für einen Zwilling!
Oder
bin ich mir gar mein eigener Zwilling?
Da
ist sie, Antares, das ist die einzige Frage, die der Mensch
beantwortet haben will und wie bildete sich die Antwort in mir heraus
in den vergangenen Tagen. Aus den verschwommenen Farben werden
Silhouetten, aus Schattenbildern Formen und aus den Formen eben bilde
sich jeder was er mag! Wie bin ich da im Erwachsen, wenn ich mich mit
den Bauklötzchen spielen sehe. Mein Werden, ich kann es doch nun
selbst bestimmen, indem ich mir zum Vater werde. Ich kann mich bei
der Hand nehmen und sagen: Hier mein Kind, nimm diesen Stift und
dieses Papier und bring sie irgend zusammen! Siehst du, wie ich lerne
die Zusammenhänge zu erkennen? Wie ich plötzlich verstehe, welche
Farben zusammen gehören und welche Formen? Da will ich gar mich
selbst umarmen und mir mein Köpfchen streicheln. Ist er nicht eine
Wonne, unser Gustave?, höre ich mich sagen, während ich ein
Püppchen in den Armen halte und es im Tanze hin-und herwiege. Hast
du diese Liebe je gekannt? Wie gönn' ich dir sie zu empfinden. Mein
verträumter Blick kommt mir gleich dem derer, die wahrhaftig ein
Kindlein in Armen halten. Wie ahne ich es zu fassen. Der Traum mich
zu zerteilen, mir einen Zwilling zu gebären, er schlummert in mir.
Ich glaube es nicht nur, ich weiß es! So deutlich wie meine Hände
habe ihn gesehen. Doch bis ich mir den ersten von dreien erwählen
kann, muss ich die anderen beiden gefunden haben. Wer wird sich dann
mit mir vereinen? Ist es Francis, oder bist du es, Antares?
Denn
wenn es das ist, was die Menschen als höchste Empfindung bezeichnen,
so reicht's doch nicht im geringsten an den Wert, mit dem ich dir
zutan bin. Niemandem will ich ewige Treue schwören als dir, denn die
wahre Liebe, sie ist mir so frei von körperlichen Verlangen, so rein
und wahr wie ich sie für niemandem aufbringen kann als dich. Dies
mag recht sonderlich für dich klingen, doch ich will es heraus sagen
wie es ist und es ist!, wahrhaftig!...es ist, so wie meine Hand ist
und mein Hirn. Mein Herz, ich kann es nicht fassen und doch weiß
ich, es ist da! Du Antares, bist der einzige, der mir immerzu blüht,
ob fern oder nah, denn du bist mir der hellste Stern am Himmelszelt
meines Herzens und das Wissen darüber habe ich immerzu geahnt, nur
war ich stets bemüht es mit aller Macht zu vergessen. Ich wollte
Reißaus nehmen und entfliehen in diese Welt, von der mir so
wunderlich zu Ohren kam, von der alles so schwärmend zu berichten
weiß, doch eine Welt ohne dich, sie ist mir nicht real. Denn ich
weiß noch als ich dich zum ersten Mal sah, du warst mir wie eine
Erlösung, wie ein Licht in dunkler Nacht, das vermochte mir alles zu
erleuchten, auf dass kein Schatten mehr wohnen sollte in mir. Wäre
es nicht um dich, so wäre ich längst nicht mehr hier; ich kannte
dich, noch bevor ich dich kannte, denn auf niemand anderen als dich
hatte ich gehofft und niemand anderen als dich hatte ich mir
gewünscht. Du bist mir wahr geworden...schon damals, ich sah es und
wollte niemals mehr weichen von deiner Seite, doch durch die Ferne,
die uns nun trennt, in die ich mich auf meinen eigenen Beinen begeben
habe, sehe ich es wie es mir in deiner Nähe nie hätte einleuchten
können. Du bist eben der Stern, der mir die Nacht zum Tage werden
lässt, du bist die Sonne und ich bin der Wind. Das himmlische Kind,
ich hab es gefunden...in dir! Ach, wie wahr, wie wird mir das Leben
da wunderbar! Zusammen sind wir der Sonnenwind, der diesen Planeten
beschützen wird, wenn sich alles umkehrt und wendet. Ach, welch
gutes Ende steht uns bevor!
In
ewiger Liebe,
G
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