"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Freitag, 8. Juni 2012

Dritter Brief


Vertrauter Freund,

verzeih, dass ich längere Zeit nichts von mir hören ließ. Das war fies von mir. Aber wenn du erfährst was mich davon abhielt dir zu schreiben, wirst du dir vor Ungläubigkeit die Augen reiben.
Manchmal ist es mir als sei ich immer noch in meinen Träumereien gefangen, den ich nachgehangen, doch sie scheinen tatsächlich Wirklichkeit geworden zu sein. Ich bin jetzt nicht mehr allein. Erinnerst du dich an den Brief den du mir korrigiertest? Der Schweiß lief mir vor Nervosität
in Bächen die Stirn hinunter als ich ihn Francis durch meinen Freund Gunther überreichen lies. Es war schon spät und erst wollte ich mich und ihn unter ihrer Türschwelle hindurch schieben, vielleicht sogar kurz auf die Schelle drücken, doch meine Ängste trieben mich aus ihrer Nähe.
Ich wusste, wenn ich sie erspähe würde ich sie nur noch lieben und alles um mich herum vergessen,
selbst den Grund warum ich gekommen. Wie verschwommen seh ich alles Leben das mich umgibt,
wenn sie sich in meine Richtung schiebt. Du solltest sehen wie schwungvoll sie sich bewegt, wie seicht sie sich zugleich die Haare aus dem Gesicht streicht, wie schick sie sich kleidet, O, bei ihrem Anblick leidet mein Herz vor Verlangen. Sie ist das einz'ge Licht das mir die dunkle Welt erhellt
und daher fällt es mir so schwer zu philosophieren, mich auf andere Dinge zu konzentrieren, mich nicht zu verlieren in den Gedanken an sie. Wenn sie da ist kann mich nichts verdrießen, dann will ich nur die Zeit nutzen und ihre Anwesenheit genießen. Und von nun an soll mir dieses Glück öfter zuteil werden. Stück für Stück beginnen wir uns einander zu nähern. Vor ein paar Wochen
hat sie zum ersten Mal mit mir gesprochen und seitdem trafen wir uns fast täglich an dem hölzernen Tor, das zu Müller's Weide und seinen Schafen führt. Selbst wenn wir uns ins gelbe Heu der Scheune warfen, wollte ich alles von ihr in mich aufsaugen, wollte meine Augen nicht abwenden,
aus Angst eine ihrer Gesten zu versäumen, und sei es nur wie sie das Stroh mit ihren Händen
in die Luft schmiss. Ach Francis, ich könnte ewig so weiter von dir träumen! Wie heiter und verliebt
sie mich stimmt, wenn sie mich bei der Hand nimmt; dann möcht ich dass das ganze Land verspürt
wie mich dieses Glücksgefühl fast zu Tränen rührt, wie reißend stark mir die Liebe den Körper durchspült, und mir elektrische Hiebe verpasst, wie die sprudlige Gischt durch meine Adern zischt,
mir die Last der Einsamkeit vom Herzen nimmt und mir auf so herrliche Weise die Seele erfrischt.
Alle Schmerzen die einst damit verbunden, waren sind nun verschwunden. Hat's dich auch schon mal so erwischt, dass du meintest alles um dich herum erlischt und nur diese Liebe bliebe am Leben? Schreib mir wer dich derzeit zu entzücken oder gar zu bedrücken vermag.
Ich werde mich nun zu Bette begeben.

Gottes Segen, Dein Freund Gustave


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