"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Sonntag, 4. November 2012

Verlorene Kindheit

Lieber Antares,

Manchmal sorge ich mich um den kleinen Felix. Diese pausenlose Lernerei raubt ihm die ganze Kindheit. Einmal lernte ich mit ihm und er wirkte mir wie ausgedörrt. Ständig wird ihm sein Hirn angefüllt mit Informationen, dass kein Freiraum bleibt für seine kindlichen Bedürfnisse nach Toberei und Abenteuer. Wenn ein Bub von gerade mal zehn Jahren schon Buch führen muss, über seine Termine und Erledigungen, dann scheint mir, wird er zu etwas heran gezogen, was nicht seiner Natur entspricht. Alles muss ständig in regelten Bahnen laufen. Nicht mal das Spiel scheint ihn zu amüsieren, wenn es nur darum geht einem Leistungsanspruch zu genügen und sich immer mehr auf Perfektion zu trimmen. Ich bin froh, dass er zumindest mir gegenüber beginnt sich etwas zu öffnen und seine Emotionen zu realisieren. Jedoch bleibt ihm nicht genügend Raum für ausreichende Reflexion. So wunderte es mich nicht, als er mir berichtete, dass ihn tags zuvor eine Lustlosigkeit fürs Lernen dazu gebracht habe, eine Seite aus seiner Lektüre heraus zu reißen. Er lachte und in seinen Augen funkelte solch Zorn, dass ich innerlich erschrak. Sein Lachen jedoch schien mir, als wüsste er selbst nicht, dass er Wut empfinde, ganz so, als wüsste er gar nicht, dass dort noch eine zweite Welt in ihm ist. Der bevorstehende Urlaub nach Amerika erhält die Vorfreude im Haus. Die Kinder ziehen sich an fernen Dingen hoch, weil ihnen die Gegenwart so trübe ist. Aber dieser Trübsinn ist ihnen so überschattet von den Unmengen an Material und Zerstreuung, dass sie das Gespür nicht fassen können. Sie leiden, ohne es zu wissen. Wenn ich ihm in die Augen blicke, erkenne ich eine tiefe Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, und erkenne zugleich, dass er selbst von dieser Sehnsucht nichts weiß. Der Mutter mag man einen Vorwurf machen können, aber mir scheint oft, als herrsche in ihr eben solch Leere. Wenn ich Felix versuche Dinge begreiflich zu machen, kann ich förmlich spüren wie wenig er bei der Sache ist, aber dann ist er auch nirgendwo anders, sondern wie eingehüllt in ein Vakuum, in das meine Stimme nicht eindringen kann. Er wiederholt sich die grammatikalischen Regeln, bis er sie auswendig weiß, aber inhaltlich scheint er nicht zu wissen von was da die Rede ist, wenn er letztendlich alles wie eine Maschine herunter betet. Eigenständiges Denken fällt ihm sehr schwer, und mir ist als würde es in ihm aus einem Selbstschutz unterdrückt, weil durch eigene Worte auch sein Ich erwachte. Ihn zu wecken, will ich unterlassen. Solch Einwirkung zerstörte ja nur das sich entwickelnde Vertrauen. Ich will geduldig sein, bis er von sich aus aus sich heraus bricht.

G

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