Lieber Antares,
Manchmal sorge ich mich um den kleinen
Felix. Diese pausenlose Lernerei raubt ihm die ganze Kindheit. Einmal
lernte ich mit ihm und er wirkte mir wie ausgedörrt. Ständig wird
ihm sein Hirn angefüllt mit Informationen, dass kein Freiraum bleibt
für seine kindlichen Bedürfnisse nach Toberei und Abenteuer. Wenn
ein Bub von gerade mal zehn Jahren schon Buch führen muss, über
seine Termine und Erledigungen, dann scheint mir, wird er zu etwas
heran gezogen, was nicht seiner Natur entspricht. Alles muss ständig
in regelten Bahnen laufen. Nicht mal das Spiel scheint ihn zu
amüsieren, wenn es nur darum geht einem Leistungsanspruch zu genügen
und sich immer mehr auf Perfektion zu trimmen. Ich bin froh, dass er
zumindest mir gegenüber beginnt sich etwas zu öffnen und seine
Emotionen zu realisieren. Jedoch bleibt ihm nicht genügend Raum für
ausreichende Reflexion. So wunderte es mich nicht, als er mir
berichtete, dass ihn tags zuvor eine Lustlosigkeit fürs Lernen dazu
gebracht habe, eine Seite aus seiner Lektüre heraus zu reißen. Er
lachte und in seinen Augen funkelte solch Zorn, dass ich innerlich
erschrak. Sein Lachen jedoch schien mir, als wüsste er selbst nicht,
dass er Wut empfinde, ganz so, als wüsste er gar nicht, dass dort
noch eine zweite Welt in ihm ist. Der bevorstehende Urlaub nach
Amerika erhält die Vorfreude im Haus. Die Kinder ziehen sich an
fernen Dingen hoch, weil ihnen die Gegenwart so trübe ist. Aber
dieser Trübsinn ist ihnen so überschattet von den Unmengen an
Material und Zerstreuung, dass sie das Gespür nicht fassen können.
Sie leiden, ohne es zu wissen. Wenn ich ihm in die Augen blicke,
erkenne ich eine tiefe Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, und
erkenne zugleich, dass er selbst von dieser Sehnsucht nichts weiß.
Der Mutter mag man einen Vorwurf machen können, aber mir scheint
oft, als herrsche in ihr eben solch Leere. Wenn ich Felix versuche
Dinge begreiflich zu machen, kann ich förmlich spüren wie wenig er
bei der Sache ist, aber dann ist er auch nirgendwo anders, sondern
wie eingehüllt in ein Vakuum, in das meine Stimme nicht eindringen
kann. Er wiederholt sich die grammatikalischen Regeln, bis er sie
auswendig weiß, aber inhaltlich scheint er nicht zu wissen von was
da die Rede ist, wenn er letztendlich alles wie eine Maschine
herunter betet. Eigenständiges Denken fällt ihm sehr schwer, und
mir ist als würde es in ihm aus einem Selbstschutz unterdrückt,
weil durch eigene Worte auch sein Ich erwachte. Ihn zu wecken, will
ich unterlassen. Solch Einwirkung zerstörte ja nur das sich
entwickelnde Vertrauen. Ich will geduldig sein, bis er von sich aus
aus sich heraus bricht.
G
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