Lieber G,
so sehr wie gestern Abend liebte ich Emma lang nicht mehr. Als ich nach Hause kam, fand ich sie brauchlinks in der Wanne liegend vor, wie ein Kleinkind. Da war sie mir so niedlich, dass ich mich umso größer und stärker fühlte. Ich wusch ihren Körper und küsste ihre Stirn, wie ein Vater seinen Zögling. Später im Rausch überkam mich die Vorstellung, dass alle Welt denselben Plan habe, ohne es zu wissen. Dass ein jeder von jedem wegzutreiben sucht, aufdass schließlich jeder allein sei. Dies mag wieder Projektion sein, aber indem ich projizieren bringe ich ja die Gedanken in die Menschen hinein. Ich fasse Äußerungen anders auf und antworte im Geiste gegensätzlich zu dem, was meine Lippen formen. Manchmal tue ich unaufmerksam um nicht zu erkennen zu geben, wie wie viel Aufmerksamkeit ich dieser Seele schenke, die dort zu mir spricht, ohne, dass ich mich angesprochen gebe. Weiß sie denn nicht was sie tut, wenn sie dieses Lied anstimmt? Ist ihr denn nicht bewusst, was das bewirken kann oder will sie mich nur einem Test unterziehen? Wenn du am Fenster stehst und den Regentropfen zusiehst, wie sie die Scheiben hinunter laufen, denkst du dann stets an mich? Es ist nicht so wie du denkst, im Gegenteil! Ich bin ja betrübt wie das Wetter und wünsche mir dann nichts sehnlicher als in Emmas Armen zu liegen. Wenn die Sonne scheint, ist sie mir ja ebenso da. Dann kann ich fröhlich sein und gerade, wenn ich fröhlich bin, sehne ich am meisten. Gerade unter Menschen, bin ich am einsamsten, weil so viele da sind, nur nicht die eine.
Aha, da sieh mal einer an, wie der Schreiber ins Schreiben kommt, wenn er nur schreibt!
Frage mich einer, was ich sei, so sei es nicht Schriftsteller, sondern viel mehr SchriftERsteller. Ich erstelle Schrift! Ich bin inmitten eines Tuns, indem ich meine Hand betätige. Mein Kopf tut rein gar nichts mehr. Welch Leere dort wieder herrscht seit Tagen. Gestern wollte mir partout kein einziger Gedanke kommen. Immerhin bleiben mir dann noch die Erinnerungen.
Antares
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen