Lieber G,
Ich realisiere, dass alles Empfinden
mit dem in Zusammenhang steht, was ich in den vergangenen Wochen in
Erfahrung gebracht habe. Große Zweifel überkommen mich bezüglich
dieses Strebens, weil ich mir keine Vorstellung davon machen kann, wie
all dies zu schaffen sein soll. Dann aber will ich mich ja auch in
Geduld üben, indem ich mir das Wundervolle meiner Wirklichkeit vor
Augen führe und erkenne, dass ich derzeit nichts wünsche, und gar
nicht bereit bin mich den Aufgaben zu stellen, die auf mich warten.
Mich in die Einsamkeit begeben, scheint zwar immer notwendiger zu
werden, aber zum momentanen Zeitpunkt wäre es mehr als verfrüht
dies Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ja, ich will! Ich will zu mir
finden, aber alles zu seiner Zeit. Zudem hat doch jeder seine eigene
Vorstellung von dem, was heilig ist oder einem inneren Frieden,
nicht? Als ich auf der gestrigen Heimfahrt zum Fenster hinaus sah
und die untergehende Sonne erblickte, trieb mir dieser leuchtende
Feuerball vor Ehrfurcht die Tränen in die Augen. Welch heiliger
Moment! Und auch, wenn er mir heiliger hätte sein können, an
anderem Ort, wo ich ihn in Abgeschiedenheit hätte genießen können,
so ahnte ich, dass mir dort die Tränen in Bächen die Wangen
wären hinunter gelaufen, jedoch, weit weniger aus Ehrfurcht, als aus eben
dieser Einsamkeit. Ach, ich fürchte sie ja stets noch so sehr, und
will doch, solang mein Glück des Miteinanders währt, es mich bis ins
Mark durchdringen lassen. Ich will die Menschen in mich aufsaugen,
aufdass ich sie mitnehmen kann in dies finstre Tal, in das ich zu
wandern gedenke.
Der Himmel beglückt uns alle nun schon
seit ein paar Tagen mit dem herrlichsten Wetter. An den warmen
Sonnenstrahlen habe ich mich neu aufgeladen. So voller Energie fühle
ich mich, dass es mir den Kopf pochen macht. Meine Schmerzen im
Rücken und Nacken haben sich verflüchtigt und ich empfinde meinen
Körper wie in der Schwebe ohne diese Verspannungen. In diesem Moment
war mir umso mehr Heiligkeit verborgen, als dass ich ihn in Gedanken
mit dir teilte. Ich wähnte dich neben mir sitzend und ebenso
ehrfürchtig zusehen, wie der Himmel sich in den prächtigsten Farben
zeigte. Ich will nicht mehr zweifeln, dachte ich, sondern daran
glauben, dass alles zu schaffen ist. Wenn ich nur weiter meinen
Willen gepackt halte und mir der Glaube nicht abhanden kommt, so will
ich nichts anderes wollen, als das was ist und all mein Vertrauen
darin legen, dass, ganz gleich auf welchem Pfade ich mich befinde, ich
immer zu dem Ort auf dem Wege bin, an den ich ersehe zu gelangen.
Alles was ich wünsche, werde ich mir zu eigen machen, aber doch
alles genau dann, wenn sich dieses Erlangen mit meinen meinem
Wege kreuzt. Oft meine ich, niemanden zu brauchen und mir alles
selbst beibringen zu können, doch dann erkenne ich wieder welch
Naivität und Selbstüberschätzung mich in solchem Moment ereilt,
denn es ist doch weitaus wahrscheinlicher, dass ich einen Lehrer
werde brauchen, der sich meiner annimmt und sich meine Ausbildung zur
Aufgabe macht. Letzte Nacht träumte ich von der seltsamsten
Begegnung. Ein Mann, dessen Gesicht mir nicht im Gedächtnis
geblieben ist, nahm meine Hand und beschaute sich meine Handfläche
mit großer Genauigkeit. Durch ein schwarzes Röhrchen, das ihm als
Vergrößerungsglas diente, fuhr er die Linien nach und ich spürte,
dass er genau wusste was er tat. Ich sei nun auf dem Wege ins Licht,
sagte er mit ruhiger Stimme und reichte mir die Hand zum Abschied. Du
kannst dir denken, mit welch Erleichterung und Frohsinn ich aus
diesem Traum erwachte. Doch wie es sich stets mit solch hoffnungsvollen
Momenten verhält, so verhallen sie ja wieder und man findet sich
alsbald in der drögen Alltäglichkeit, in der man das Licht so oft
nicht zu erblicken vermag. Doch nun, da ich daran bin, diese Zeilen
an dich zu versenden, kann Vorfreude auf deine Antwort in mir sein.
Ich verspreche, ich sende dir ein Lächeln anbei.
Antares
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