"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Mittwoch, 7. November 2012

Auf zum Licht

Lieber G,

Ich realisiere, dass alles Empfinden mit dem in Zusammenhang steht, was ich in den vergangenen Wochen in Erfahrung gebracht habe. Große Zweifel überkommen mich bezüglich dieses Strebens, weil ich mir keine Vorstellung davon machen kann, wie all dies zu schaffen sein soll. Dann aber will ich mich ja auch in Geduld üben, indem ich mir das Wundervolle meiner Wirklichkeit vor Augen führe und erkenne, dass ich derzeit nichts wünsche, und gar nicht bereit bin mich den Aufgaben zu stellen, die auf mich warten. Mich in die Einsamkeit begeben, scheint zwar immer notwendiger zu werden, aber zum momentanen Zeitpunkt wäre es mehr als verfrüht dies Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ja, ich will! Ich will zu mir finden, aber alles zu seiner Zeit. Zudem hat doch jeder seine eigene Vorstellung von dem, was heilig ist oder einem inneren Frieden, nicht? Als ich auf der gestrigen Heimfahrt zum Fenster hinaus sah und die untergehende Sonne erblickte, trieb mir dieser leuchtende Feuerball vor Ehrfurcht die Tränen in die Augen. Welch heiliger Moment! Und auch, wenn er mir heiliger hätte sein können, an anderem Ort, wo ich ihn in Abgeschiedenheit hätte genießen können, so ahnte ich, dass mir dort die Tränen in Bächen die Wangen wären hinunter gelaufen, jedoch, weit weniger aus Ehrfurcht, als aus eben dieser Einsamkeit. Ach, ich fürchte sie ja stets noch so sehr, und will doch, solang mein Glück des Miteinanders währt, es mich bis ins Mark durchdringen lassen. Ich will die Menschen in mich aufsaugen, aufdass ich sie mitnehmen kann in dies finstre Tal, in das ich zu wandern gedenke.
Der Himmel beglückt uns alle nun schon seit ein paar Tagen mit dem herrlichsten Wetter. An den warmen Sonnenstrahlen habe ich mich neu aufgeladen. So voller Energie fühle ich mich, dass es mir den Kopf pochen macht. Meine Schmerzen im Rücken und Nacken haben sich verflüchtigt und ich empfinde meinen Körper wie in der Schwebe ohne diese Verspannungen. In diesem Moment war mir umso mehr Heiligkeit verborgen, als dass ich ihn in Gedanken mit dir teilte. Ich wähnte dich neben mir sitzend und ebenso ehrfürchtig zusehen, wie der Himmel sich in den prächtigsten Farben zeigte. Ich will nicht mehr zweifeln, dachte ich, sondern daran glauben, dass alles zu schaffen ist. Wenn ich nur weiter meinen Willen gepackt halte und mir der Glaube nicht abhanden kommt, so will ich nichts anderes wollen, als das was ist und all mein Vertrauen darin legen, dass, ganz gleich auf welchem Pfade ich mich befinde, ich immer zu dem Ort auf dem Wege bin, an den ich ersehe zu gelangen. Alles was ich wünsche, werde ich mir zu eigen machen, aber doch alles genau dann, wenn sich dieses Erlangen mit meinen meinem Wege kreuzt. Oft meine ich, niemanden zu brauchen und mir alles selbst beibringen zu können, doch dann erkenne ich wieder welch Naivität und Selbstüberschätzung mich in solchem Moment ereilt, denn es ist doch weitaus wahrscheinlicher, dass ich einen Lehrer werde brauchen, der sich meiner annimmt und sich meine Ausbildung zur Aufgabe macht. Letzte Nacht träumte ich von der seltsamsten Begegnung. Ein Mann, dessen Gesicht mir nicht im Gedächtnis geblieben ist, nahm meine Hand und beschaute sich meine Handfläche mit großer Genauigkeit. Durch ein schwarzes Röhrchen, das ihm als Vergrößerungsglas diente, fuhr er die Linien nach und ich spürte, dass er genau wusste was er tat. Ich sei nun auf dem Wege ins Licht, sagte er mit ruhiger Stimme und reichte mir die Hand zum Abschied. Du kannst dir denken, mit welch Erleichterung und Frohsinn ich aus diesem Traum erwachte. Doch wie es sich stets mit solch hoffnungsvollen Momenten verhält, so verhallen sie ja wieder und man findet sich alsbald in der drögen Alltäglichkeit, in der man das Licht so oft nicht zu erblicken vermag. Doch nun, da ich daran bin, diese Zeilen an dich zu versenden, kann Vorfreude auf deine Antwort in mir sein. Ich verspreche, ich sende dir ein Lächeln anbei.

Antares

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