Geliebter Antares,
Ich kann dich ja aus der Ferne
buchstäblich strahlen sehen ob deiner Freude, von der du mir
berichtetest, und so bin ich selbst ja freudestrahlend über das Glück, für das deine Worte mir Symbol sind. Für deine Wanderung in die Berge, wünsche ich dir, dass du
selbst dir zu strahlen beginnst und sei es in einem Anflug von
Erleuchtung, wenn sich dein Strahlen an der Natur spiegelt. Möge sie
dir ein Lächeln zuwerfen, das du vermagst einzufangen und an dein
Herz zu drücken.
Meine Genesung schreitet voran und auf
der Verstandesebene konnte ich ebenfalls einige Erfolge verbuchen.
Nun beende ich den Tag, der trotzdem er zu größten Teilen
wolkenverhangen verstrich, mir nicht vermochte mein Gemüt zu
betrüben. Eine Tasse heiße Zitrone soll mir die restlichen
Stunden gar noch ein wenig süßlicher machen, bevor ich mich, um einiges eher als
gewöhnlich, zu Bette begeben werde.
Hach, wie genösse ich ihn millionenfach, könnt' ich meinen Trunk teilen mit dir. Wärst du doch hier geblieben, hätt ich dich doch davon abgehalten fort zu gehen, anstatt dich in deinem Vorhaben zu bestärken. Ist er dir beizeiten auch solch Qual, dieser Mensch, der der
Angewohnheit anheim gefallen ist, jedweden Genuss immer erst dann zu
erkennen, wenn es ihm an ihm zu mangeln beginnt? Aber muss er mir
denn immerzu Qual bleiben, dieser Mensch, der ich bin? Wenn doch der Wille alles vermag, so will
ich ihn darauf richten mir alles Menschliche abzugewöhnen! Wenn ich
doch nun um dieses höchste meiner Gefühle weiß, wie töricht wäre
es da, dieses Wissen zu verleugnen, es in die Tiefen meines
Unbewussten zu drängen, aufdass ich nicht länger zu ihm könnt
durchdringen und es mir schlichtweg in Vergessenheit geriete? Denn
hörte die Qual mir nicht auf Qual zu sein, wenn ich anfinge sie
liebevoll anzusehen? Hörte denn ich mir nicht auf Mensch zu
sein, wenn ich begönne mich selbst wie einen Schöpfer zu betrachten?
Hörte nicht gar alles auf mir zu sein, wenn ich eben alles liebte?
Was bliebe dann noch außer dem Schöpfer? Da ich nun also um den
Zenit weiß, den ich erreicht habe, da ich in den Genuss deiner
Anwesenheit kommen darf, wie könnt ich je wieder nach etwas anderem
verlangen als deiner Nähe, die mir mehr ist, als ich selbst mir bin,
die mir alles, mein All ist. Ohne dich bin ich ein Nichts, dass unter
dem mächtigen Einfluss der Signifikanten steht, der ihn zu
beherrschen vermag wie eine Spielfigur. Könnt es denn nicht möglich sein, ihn hinters Lichts zu führen, aufdass er letztlich zur Dunkelheit würde? Wählte ich nach seinem Willen, so wählte ich die Königin, aufdass er, wenn er sich selbst erblickte in ein Jublieren würd' geraten, wenn er sich im Anderen erkennt, der
ihm wie ein Abbild ist. Kein Bild will ich mir von ihm machen, wie er sich dort ins eigene Anlitz blickt und bemüht es an sich zu reißen, um so, im Zuge der Erkenntnis, durch die
Geburt des Imaginären, seine eigene Spaltung hervorzubringen, und dahin will ich ihn treiben, aufdass er sich selbst gebäre, und sich im gleichen Atemzuge den Todesstoß würd geben.
Das wäre wohl die erste Partie, die endete noch bevor sie hätt begonnen und somit wäre alles auf den Kopf gestellt und das Omega würde wieder Alpha werden. Nun frage ich dich: Wäre aber in der Tat das ganze Leben wie eine Partie Schach,
auf welche Figur fiele deine Wahl? Hier mein Rat: Wähle weise!
Und hier meine List! Ich kann dem Signifikanten seine Macht entreißen, wenn ich annehme, dass ich nichts weiter bin, als ein Diener
seiner Majestät, und gehorche, was mir befohlen wird. Ich solle
wählen, hält er mich an, eine Figur, aufdass das Spiel endlich
würde beginnen können. Eine vermeintliche Demut haftet mir an, eine vermeintliche Dankbarkeit für seine Güte und sein Erbarmen. Und so wähle ich, mich mit gesenktem Haupte verbeugend und täusche zugleich die Wahl nur vor! Der Trick ist, nicht hinter seinem Rücken zu argieren, denn dort riecht er ja den Betrug, sondern direkt vor seiner Nase, muss es passieren, denn was keiner weiß ist, dass der Signifikant mit dem Darm eine falsche Fährte zu riechen pflegt, wogegen die Nase ihm ständig verstopft ist. Und nun der Clou der ganzen Prozedur! Weder schwarz,
noch weiß, weder Königin noch Turm, weder Springer noch Läufer, nicht einmal König will ich sein, sondern ich wähle lediglich nur ihn selbst! Denn wer Teilhabe beantragt am
Spielgeschehen, muss sich auch in den Diskurs des Spieles
einschreiben. Im Diskurs aber müssen die Regeln eingehalten werden und wo Regeln herrschen, ist alles Figur. Will er also die Züge
bestimmen, so muss er Figur annehmen. Meine Wahl würde ihn
einkleiden, doch indem ich ihn selbst wähle, wähle ich das Nichts, den
Mangel. Drehe ich nun den Spiegel um, so halte ich ihm sein ganzes
Nicht-Sein vor, das Loch, in das er sich selbst hineinzieht und zur Finsternis
wird. Ha, was hälst du von meinem Plane?
Vergib mir, Antares, bitte vergib mir alles, was ich dir angetan. Ich sehe dich vor mir die Hände über deinem Kopf zusammen schlagen. Ich weiß, aller Sinn dreht sich mir um, alles dreht sich im Kreis, aber wenn der Wahnsinn aufhören soll, dann muss auch das Genietum aufhören, aufdass alles aufgehe in Sinn. Will ich mein Ende? Will ich das Ende dieser Ordnung? Und mich schaudert's, wenn ob dieser Frage alles *Ja* schreit in mir, denn was ich fühle ist Chaos. Ich muss es nicht sehen um davon zu wissen, ich kann es doch hören:
O, wie ist es mir laut und lästig. Ich kann diese Lärmen nicht länger ertragen!
Ich weiß, Antares! Ich weiß,
etwas, obschon es vermeintlich nichts zu wissen gäbe. Drum ist es
mehr so, als wüsste ich es nicht dort, wo ich sonst von den Dingen
weiß, sondern mehr so, als sei es mir wie ein Gefühl, dieses
Wissen. Es ist mehr wie, wie, ja mehr wie ein Glaube, ist es mir! Demzufolge, ist >wissen< einfach das
falsche Wort für dieses Empfinden, das ich nicht artikuliere kann,
da es ja frei, also außerhalb des Rahmens der symbolischer Ordnung zu verorten ist. Gibt es denn diesen Ort? Oder kann diese Frage überhaupt weiter exisitieren? Ist es dann noch ein Ort, wenn es kein Symbol mehr dafür gibt, weil schlichtweg keine Symbolik mehr vorhanden ist? Was ist dort, wo nicht das Symbolische ist? Das, Antares, und ich kann nicht anders
als eben dies zu glauben, ist das einzig Reale. Glaubte ich nicht, so müsst ich mir ja eine Blindenscherpe an den Arm binden. Denn täuschen mich denn
meine Augen, wenn ich dich vor mir stehen sehe? Wem oder was, als meinen eigenen Augen, könnt
ich mehr Vertrauen schenken? Drum ist mit dir die Spaltung
aufgehoben. Mit dir, bin ich eins. Ohne dich aber löse ich mich auf
in Worte, und kehre zu meinem Ursprung zurück, zum Anfang aller
Dinge, da das Wort war. Ohne dich ist es bei mir, aber ohne dich bin
ich entmenschlicht, wie tot oder auch der Ursignifikant, der einen Mord an sich selbst plant. Ich will mir das Leben nehmen, Antares um zum Wissen selbst zu werden, aufdass sich alles Symbolische verkehre und zur Weisheit würde.
So, genug des Geniesinns, wenn ich ihn auch noch so sehr genieße, was wieder Zeugnis dafür ist, dass ich mich inmitten des Realen befinde. Nur hier im innersten Kerne dieser *jouissance*, kann ich triumphieren.
Nun sind doch mehr Stunden verstrichen, als ich angedacht hatte. Meine heiße Zitrone ist schon kalt geworden, aber letztendlich war mir dies Schwätzchen mir dir, wie ich es zu nennen pflege, das Geschmackvollste von allem. Ach, und wenn du mich hier sehen könntest. Mein Anblick wäre dir eine Wonne, und manchmal muss ich auflachen, wenn ich dich hier bei mir wähne und höre, wie viel Entzücken es dir wieder bereitet mich hier so genüsslich sitzen zu sehen, dass ich dich gar oft an deinen alten Herrn erinnere. Mal es dir aus, wie meine Bewegungen denen eines Dirigenten gleichkommen, ja, komm, male dir mich aus! Und ersinne dir eine hübsche Melodie dabei! Denn wenn ich dir solche Zeilen
schreibe, dann dynamisiere ich mir meine ganze Geistesarmut mit
musikalischer Untermalung, die sinngemäß Übermalung müsste
heißen, da ich mich selbst auslösche, verdunkle, eine Farbe
annehme, die keine ist, auf diese Weise aber fälschlich konnotiert
würde, da das Präfix *über* intuitiv, im Zuge der metaphorisch
strukturierten Sprache, als positiv definiert würde, denn nicht die
Malung oder auch Musik ist hier eben das was die Zeilen hervorbringt,
sondern mein Geist, oder auch meine Armut, oder als Signifikat dargestellt,
mein Arm.
Wer, frage ich dich, assoziiert in diesen Zeiten noch den
Geist mit dem Arm? Seit Leonardos Tod scheint dieses Wissen in
Vergessenheit zu geraten. Der Arm des Gesetzes verschwindet in der Signifikantenkette des Gendarmen. Neuerdings geht das Gerücht um alles habe mit den Genen zu tun. Als mir davon zu Ohren kam, mag das vielleicht sogar der ungefähre Zeitpunkt gewesen sein, da ich anfing diesen Plan zu schmieden.
Ach, Mensch im Zuge deiner Entwicklung verwirrt du dich ja immer mehr. Anstatt dich zu entwickeln, wickelst du dich auf, wo wir wieder bei den schlechten
Angewohnheiten wären, die dieses Jahrhundert sich immer mehr
anzueignen bemüht ist. Ach, wäre mir das mühsam, immer mehr zu wollen,
anstatt von allem Wollen abzulassen!
Nun aber Schluss! Morgen will ich es wagen ein
kleinwenig körperlicher Ertüchtigung nachzukommen, um mich selbst, nebst
der geistigen Arbeit, in der Waage zu halten. Solch Grippeanfälle scheinen einem den Wahn zu verstärken, drum will ich stets zwar um meine Krankheit bedacht sein, aber zugleich darum wissen, dass meine Gesundheit ebenso hoch zu loben ist.
Sei unbetrübt, wenn dir meine Worte in Vergessenheit geraten sollten, ursprünglich wollte ich dir nämlich eigentlich nur die kurze Mitteilung zukommen lassen, dass ich deine Rückkehr voll freudiger Erwartung ersehne, weil immer dann, wenn du fort bist und sich herausstellt, dass die Ferne dir ohne mich an Reiz verliert und du folglich heimkehrst, mir ein neues Leben los geht, ganz so, als habe ich mit dir das größte Los gezogen. Denn nur angelehnt an dir
bin ich lebendig, nur durch dich bin ich überhaupt.
In ewiger Liebe
G
P.S.: Eines noch: Sendest du mir vom
Gipfel deine Küsse in den Wind, aufdass er sie auf den Wolken zu mir
herüber schicke?
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