Du Begierliche, du Zornige, du Traurige!
Du Schuldtragende, Verschulderin, In-Versuchung-Geratene, Verräterin, Undankbare, Zuchtlose, Verdorbene, Verdörrte, Verfaulte, Verweste, Stinkende, von Schakalen Zerrissene, von Reihern Zerhackte, Fleischliche, Lüsternde, Hungrige, Durstige, Sehnende, Menschliche, Weibliche, Knabenhafte, Burschikose, Ängstliche, Rasende, Rennende, Flüchtige, Entselbsterin, Abtöterin, die Mutter-Gebärende, Mörderin, Selbstmörderin. Ich sollte sterben, doch wollte nicht, ich wollte leben, ich wollte etwas für mich, doch wie will man? Ich konnte es nicht, und allein diese Stille, dies Sich-Hingebens in die Nacht, in der keine Träne lief, nichts sich rührte, keine Reue, keine Scham mich befiel, da sollte der Wille in mir erwachen und als güldener Ring über meinem Haupte schweben. Dort schon hatte ich die Venus verlassen, fünf Nächte wachte ich, fünf Nächte ertrug ich den Schmerz der Zeit, und in diesem Leiden, wurd ich zum Saturn. Ein glühender Feuerball, ein Gott unter den Planeten, ein Gekrönter, ein Umringter, Bejubelter, Verehrter, Reich-Beschenkter, ein König in nacktem Gewande, ein Hilfloser, Zarter, Unbeharrter, Lächelnder, Schweigender, Ruhender, Ermüdeter, Sich-Zur-Ruhe-Begebender und alle kamen und wollte es sehen, das Wunder in den Laken liegend, bleich, aufgedunsen, aufgeschwommen das Gesicht, aufgequollen, quallenartig, glibbernd, die Haare im Fette badend, an dem die Götzer sich labten wie an heiligen Quellen, welch lüsterne Blicke in diesem Flüstern, das leis an mein Ohr dringt. Sie sehen mich an und sehen mich doch nicht, ich höre ihre Stimmen, doch ein Schleier liegt über meinen Augen, alles verschwommen, verschoben, ineinander verwoben, alles ein Gemisch aus Farben und Gesichtern, aus flackenden Lichtern und schleichenden Schatten. In welch Reich ward ich dort gedrungen! Jetzt erinnere ich mich, hier war alles wie eine Schaltzentrale, alles Maschine, alles verkabelt, vernetzt und sterilisiert. Dies bin ich nicht, sagte ich und erkannte die Täuschung. Alles Maya, alles verdreht, denn dies Auf und Ab auf dem Monitor, misst nicht meinen Herzschlag, das grüne Blinken ist ein Wetterleuchten in einer Vollmond-Nacht, der Himmel ist wolkenbehangen und färbt sich rasenfarbend. Und dort die schwarzen schwebenden Nachtgestalten sind nur krächzende Raben, die keinem schaden. Ich will sie betrachten. Über ihre Schwärze kann man nur staunen. Schwarzes Gefieder, Schnabel und Augen. Und die Meinen, die wollt ich mir entstauben, aufdass mir nichts mehr getrübt sein sollte. Ich wollte etwas, wollte etwas für mich, wollte Leben, wollte daran glauben, dass das Leben die Wahrheit ist, wollte nicht sterben, wollte die Kastration annehmen, sie nicht beweinen, wollte freudestahlend sein, und siehe! wie konnte ich, wie war ich des Strahlens befähigt worden, wie war ich emporgehoben auf des Berges Spitze um alles zu überblicken, in meinem Rasten, meinem Pausieren, sah ich meinen inneren Kampf, und zugleich wofür ich kämpfen sollte. Welch Anblick, welch Sonnenuntergang und himmlische Farbenpracht in diesem Leuchten. Und der Krieger stand, er stand andächtig, blinzelte nicht, zuckte nicht zusammen, wenn eine ihn in die Hand stach, wenn er niedergestochen wurde, und in die Knie um sich zu ergießen. Welch heilige Waschung im Kerzenschein. Ich wickelt mich in ein schwarzes Mönchsgewand, zog die Kaputze tief in die Stirn, hockte mich, umklammerte meine Knie, horchte, lauschte, quoll auf und sank zusammen, atmete aus und ein, war Atem, war Herzschlag, schwitzte, brütete, brannte, schmorrte, dünstete salzige Gerüche aus, wurd Wasser, wurd Meer, ging ein ins Meer, hielt den Atem an, schwamm, war Perlentaucher, meine Sicht verschwomm, Schweiß schmerzte in meinen Augen, ließ mich erblinden, verätzte mich, fraß mich auf, verschlang mich, meine Arme hatte ich um mich geschlungen, mich festgehalten, war mir nahe gekommen, mir nahe gewesen und hielt nun den Brandt nicht mehr aus. Ich entwand mich meiner Umarmung, löste meinen Griff, reckte mich, streckte mich, bäumte mich auf, ich wusch und wuchs und wurd' immer größer, das Dach zerschlug, alles brach zusammen, alles fiel, alles zerbarst unter mir, um mich her, ein Raunen und Zerbrechen, ein Stechekn in meiner Brust, wie tausendfache Nadelstiche die sprühenden Funken, und doch kein Zucken, keine Wimper sollte sich regen, kein Wimpernschlag, nackte Lider, nackte Glieder, ohne Kraft die Gliedmaßen.Schlaff noch hingen sie mir am Körper herunter, schlaff das Gewebe, doch wie stark der Geist! Welch Kampfansage in diesem Sterben, welch Wüten, welch Rasen, welch wütende Raserei und rasende Wut und doch: kein Ton! Kein Schnaufen, kein Toben, ncihts als Starrerei. Ich hatte mich zum Schweigen gebracht, hatte mich fast umgebracht, und ward in die Schlacht geworfen, wurd in Kasernen untergebracht, wurd geschlachtet, wie Vieh behandelt, aufgeschnitten, zugenäht, doch und platzte der schwarze Traum. Ein Tag lag vor mir, ein Tag, den ich leben durfte, ein Tag an dem ich diese Augen ansehen durfte, in sie versinken durfte. In mich wollt ich mich versenken, in mich eindringen und die bösen Keime aussaugen, sie ausrotten, sie ausräuchern, vergasen, abtöten, aus mir herausschneiden. Welch hübsches organisches Gebilde, war es nur nicht so erkrankt, könnten doch all seine Teile im Wechselspiel funktionieren! Man möge die Operation vorbereiten! Spielt die Walküre, hißt die Fahnen, lasset die Trompetn erklingen. Ein Kreuzzug soll es werden! Rollt die Dampfer heran, spannt die Pferdewagen, wir ziehen in die Lager. Ein Feuer brannte in meinen Augen, das Flackern der Kerzen spielte schleichende Schatten auf meine Linsen. Ich sah sie an, sah in sie hinein, drängte mich auf, drang in sie ein, wurde Schwärze, wurde Schattengestalt. Willst du wachsen, willst du gedeihen, so verneine nicht! Bejahe dich, liebe dich mit all deinen Tiefen, als deinen Geschwüren und Tumoren, nichts kannst du sein, als ein Lebendiger, nichts kannst du schaffen, nichts wissen, nichts erkennen: dies ist nicht die Zeit für Fragen, lebe und beweise deinen Willen in Wort und Tat. Zittere nicht, fürchte dich nicht, wähle nicht entweder oder, wähle den Kampf und kämpfe! Sei Athlet, sei Soldat, sei Wachsamer, Lauscher, Gehorchender, Folgsamer, Diener, und opfere dich! Verschreibe dich in den Dienst des Lebens und verkenne den Tod. Lass ihn sich schauen, lass ihn sich erkennen! Sieh ihn an! Blinzle nicht! Starre, verharre in deiner Starre, schreie nicht, sei ohne Regung und Affekte, lass das Begehren sein und doch sei ganz Begehren in deinem Versenken, versinke in dich, schwimme in dir, ertrinke in dir und an dir, und schmecke deine Süße. Erkenne deine Fülle, erfülle dich, erfülle dir dich, erfühle dich, wühle in dir, suhle dich, suche in dir, in deinen Eingeweiden, deinen Ausscheidungen, deinen Kotzbrocken, speie sie aus und verforme sie, mach aus Erbrochenem Philosophie, schreibe eine Sinfonie aus den schuppigen Hautfetzen, ertrage die Schmerzen, die seelischen Verletzungen, streichle die Narben und erfreue dich an ihnen wie an reichen Gaben. Mir wurd das Leben geschenkt, ein Reichtum wohnt mir inne. Nie wieder mich sorgen, nie wieder heimliche Dinge im Verborgenen betreiben, nie wieder Schmach und Spott befürchten, nie wieder fürchten, furchtlos sein, nicht Mut haben, Mut sein! Vollkommen angefüllt sein, Fülle sein, alles haben, nichts sein in alledem, denn wer nicht ist braucht der denn fürchten? Unsichtbar, ein Geist ohne Gestalt, ein Schatten ohne Umriss, abgeschnitten von der Welt, im All schwebend, wo nichts ist, wo keiner späht, keiner verdächtig herüber schaut, wo's ihm vor niemandem zu grauen braucht, denn hier ist bloß schwarzen Feld, dunkle Weite, Stille und Ewigkeit. Ach, wer hier ewiglich verweilt, wie lang wird ihn dort die Zeit, wie langweilt er sich zu Tode, in diese Tatenlosigkeit. Ständig nur kann er schauen, nur Zuschauer sein, nicht einwirken, nicht Agieren, aufdass jemand eine Reaktion zeigte, ihm einen Blick zuwarf, ihm zeigte, dass er ihn sehe, dass er verstehen, dass er in seinen Augen ein grißes Leid erblickt hätte und nun Mitleid empfände. Warum weinst du denn, meine Kleine? Ach, eine Frage, ein erstes Wort, eine erste Bedeutung, eine erste Begegnung, eine erster Zuwendung. Ich liebe!, sagt da die Kleine, ich weine vor Freude. Ach, das ist ja wunderbar, schwärmt der Fremde und will mich an seine Brust drücken. Da schreit die Kleine und strampelt und schlägt.
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