Vertrauter Freund,
wie lang wir uns nicht sprachen! Drum möchte ich dich wissen lassen, was in den letzten Wochen sich hat zugetragen; es gibt da so einige Fragen zu denen mir die Antworten bislang fehlen. Vor einigen Wochen ist nun endlich ein Mädchen in mein Leben getreten und ich erinnere mich dir versprochen zu haben dich über solch Vorkommnisse in Kenntnis zu setzen. Ihr Name ist Francis und ihr Anblick ist mir wie ein Bildnis an dem ich mich niemals satt sehen könnte. Obgleich ich sie kaum gekannt schien es mir von Anfang an, dass mich etwas mit ihr verband. Als sei meine Seele mit der ihren verwandt, die mir oft sagte ihr fehle der Grund für ein Morgen. Denn auch wenn nichts sie quäle, weder Kummer noch Sorgen, blieb ihr doch stets verborgen was es heißt des nachts nicht allein zu sein. Ein Jemand, den sie mitnehmen könnt’ in ihre Welt aus Träumen war ihr bislang nicht gegönnt gewesen, weil wohl die Angst, etwas zu versäumen, ihre Sinne betäubte, und obgleich sie sich dagegen sträubte schwanden ihre Kräfte und legten sie lahm. Trotz des Dranges in ihrer Brust vermochte das süße Singen eines jeden Klanges nicht an ihr Ohr zu dringen, sei es der einer lieblichen Stimme, ein Lachen, ein Weinen, sei es, wenn sich Vögel im Schwarm vereinen, ein Zwitschern, Tirilieren, wenn Bäumen sich im Winde wiegen, wie laut Frauen schreien, wenn sie Kinder kriegen, Menschen aus vollster Kehle triumphieren, sich amüsieren, feiern, speisen, Witze reißen... jeder zauberhafte Laut, der am Tage so vertraut, blieb doch stumm, als wär’ sie taub. Ihren Augen ward das Licht vergönnt; verklebt, verschlossen, zugenäht und platzten schließlich deren Nähte, platzte auch der schwarze Traum; wieder mal war es zu spät, es graute der Tag, der aufs neue vor mir lag, über meines Bettes Saum. Und würd ich erwachen unter Palmen am schönsten Strand, dessen weißer Sand sich kilometerweit erstreckt, wo übers ganze Land eine frische Brise geht und das Meer an meinen Füßen leckt, so blieb die Dunkelheit in mir, denn des nachts ward alles stille, kalt und leer. Aber nun, da mich das Schicksal zu ihr geführt, kann sich meine Seele freuen; niemals mehr beginnt von Neuem die Furcht sich in mir aufzubauen, wenn die Sonne am Horizont versinkt, ihr helles Licht im Meer ertrinkt und es Abend werden lässt, dann kann ich ihr blind vertrauen und völlig unbesorgt meine müden Lider senken, weil ich weiß sie wird mir schenken, einen zuckersüßen Traum.
Einen, der die Finsternis besiegt, in dem ich hören, sehen, spüren, ja gar jene schweren Türen fähig bin zu öffnen, die mir für so lange Zeit die Flucht aus dem schwarzen Kerker zunichte machten, weil doch die Kraftlosigkeit und Angst mich dazu brachten mich nicht einmal zu rühren. Jetzt kann ich's immer kaum erwarten bis die Sonne sich verneiget, bis der Mond zum Firmament aufsteiget und um endlich meine Augen zu verschließen, denn alsbald möcht ich vor lauter Wonne ein paar Tränchen gern vergießen, sei's ihr Antlitz was mich blendet, als hätt der Himmel sie gesendet oder gar das pure Glück nicht länger mehr allein zu wandeln. Ich fasse ihre zarte Hand, will kein Stück meines Weges mehr ohne sie gehen, denn was auch immer sie zu mir gesandt, wer immer wollt, dass ich sie fand, es quält mich nicht, nicht zu verstehen warum dies zu geschehen vermag; solcherlei Fragen nähmen mir einen allzu großen Teil der Zeit mit ihr, die so begrenzt, stets wie im Fluge verrinnt, die mir wie einem Kind so gänzlich zuwider, weil es doch nur noch eins der fröhlichen Lieder so gern hätt’ vernommen, doch da ward auch schon die Mutter ins Zimmer gekommen
und bringt die himmlischen Stimmen zum Schweigen. Drum mag ich sie rufen: komm geschwind! Lass ein hübsches Plätzchen uns suchen, vielleicht doch drüben unter den Buchen, die uns gnädig ein wenig Schatten spenden. Immer noch halt ich sie bei den Händen, seh’ sie an und ganz plötzlich wird es mir im Herzen bang,
es schlägt ganz heftig, will rein gar nicht sich beruhigen; o wie stark und mächtig sie über mein Befinden regiert, dabei ist sie von Statur mehr klein und schmächtig, macht mich trunken und verletzlich mit ihrer Augen Blickes nur. Sie funkeln mich an wie zwei schwarze Perlen, ziehen mich in ihren Bann mit solcher Kraft als zöge ein ganzes Heer mich zu sich heran, jedoch keinerlei Krieger, die mich in Ketten hinter sich her schleifen: Nein, Engel sind’s! Sie wollen mich retten, auf ihren Flügen gen Himmel tragen, mich auf weichen Wolken betten und mich laben mit den köstlichsten Gaben, die sie mir zu Füßen legen. Und sie, sie ist einer von ihnen, dabei sollte ich ihr dienen in dem Maße wie es nur einer Königin gebührt. Drum will ich zum Dank all meine Liebe ihr schenken, möge mein Tun und Denken mich krank machen nach ihr, weil sich mein Herz vor Sehnsucht verzehrt. Sie legt ihren Kopf in meinen Busen, und ihr Haar in Spangen, ihre goldenen Locken, streifen sanft über meine Wangen wie zarte Schneeflocken, benebeln mich mit ihrem Duft
nach frischem Grase und die Frühlingsluft ist erfüllt von blumigen Gerüchen. Mit ihren lustigen Sprüchen bringt sie mich zum Lachen und das ihre hallt wie ein Echo in meinem Kopfe wider, wie das Singen von Vögeln in buntem Gefieder; eine Melodie, die so wunderschön klingt, dass ich meinen könnt mein Herz zerspringt in tausend Stücke. Doch zugleich beruhigt mich der Töne Harmonie und ihre Leichtigkeit überträgt sich auf mich, dass meine Füße jeden Halt verlieren. Zum ersten Mal in meinem Leben, ist es mir, als würde ich schweben, mich gesellen zu jenen Tieren, die zum Fliegen geboren. Schwerelos, den Bezug zur Realität längst verloren, gleite ich dahin und lausche der göttlichen Sinfonie der Geigen, zu der sie sich unter mir im Reigen bewegt wie ein Schmetterling. Ein silberner Ring ziert ihre rechte Hand, die sie über mein Gesicht streichen lässt; sie zu berühren raubt mir den Verstand, wenn ich ihre Körperwärme spüre und sich unsere Herzensschläge zu einem Rhythmus verbinden, gäb’ ich alles dafür niemals mehr verschwinden zu müssen von diesem Platze, der jeden Morgen in unerreichbare Ferne rückt. Keines Königs Schatze wäre Geld genug sie zu ersetzen, denn sie ist mir so viel mehr, als alles andere auf dieser Welt, dass ich wünscht’ ich könnt’ ewig verharren an diesem königlichen Ort, will nie wieder wachen, nie wieder fort. Doch wie sehr ich mich auch zwinge das Schlafen fortzusetzen, nicht davon abzulassen dem fröhlichen Spiel der Flöten und Harfen zu lauschen, weil das Rauschen der Wirklichkeit meinen Namen schreit und eine Schuldigkeit auf meinen Schultern lastet, bleibe ich machtlos gegen den Tag. Ein jeder Mensch hastet, rastet wenig und obgleich ich mich stets lösen möchte von jenen Schichten, von allen Geboten und Pflichten, stundenlang dösen, nicht selten hinübertreten zu den Toten, so ward jeder Versuch, dass sie nicht mehr gelten mögen, bisher misslungen. Frei, frei, nicht länger ein Sklave der Gesellschaft will ich sein, die nicht aufhört mich meiner Kraft zu entziehen, ach, wie sehr möchte ich ihr entfliehen in jene nächtliche Welt. Denn in ihr hat auch sie Gefallen an mir gefunden, wir verbringen die Stunden beisammen, unsere Körper ineinander verschlungen und am Abend schauen die Sterne auf uns hernieder. Ach, was hab ich es gerne, es durchfährt mich gar in alle Glieder, wenn ihre vollen Lippen die meinen liebkosen, deren Geschmack und Röte mich an Rosen erinnern, wenn meine Hände sacht über ihre Rundungen fahren und ihr Atem meine Haut erwärmt, dann verschwimmt das Bild eines jeden klaren Blickes, dann schwärmt mein Herz pausenlos von ihrer Pracht. Es wird solang nicht gestillt bis der Traum ein Ende nimmt, bis der Hahn sein Lied anstimmt und die Sonne ihre ersten Strahlen am Horizont aufblinken lässt, dann krall ich mich an den Stäben meines Bettes fest und beginne den Tag unter Tränen. Selbst wenn ich sie zu Gesicht bekommen sollte, was zumindest als Lichtblick zu verbuchen wäre, könnt ich niemals wie ich wollte sie in meine Arme schließen geschweige denn ihr ins Ohr flüstern wie lüstern mich ihr Anblick macht, wie sehr ich sie begehre, wenn sie mich anlacht, wie sehr ich mir wünscht’ einen Kuss auf ihren Mund zu drücken, wie schwer es mir fällt, ihren Rücken nicht anzufassen, meinen Händen zu befehlen von ihr zu lassen, wenn sie im Gedränge vor mir schreitet. Es gibt fast nichts was ich nicht für sie täte, würde stehlen, lügen, betrügen, all ihre Schulden tragen, ohne zu hinterfragen, nur als Zeichen meiner Hingabe, niemals mehr weichen von ihrer Seite. Jedes Treffen mit ihr erweckt von neuem meine Sehnsucht, jedes Mal falle ich wie ein erblindetes Tier in eine unergründliche Schlucht, die sich wie ein schwarzes Loch im Erdboden unter mir auftut, dessen Tiefe jedoch nicht aufhört wachsen. Manchmal denk ich, so könnt’s in der Hölle sein: Mutterseelenallein, mein Schreien bleibt mir im Halse stecken, ich würd’ am liebsten direkt verrecken, bemerke doch schnell ich bin schon tot. Für immer und in Ewigkeit im Dunkeln verweilen, kein Funkeln stört das pure Leid, das unendliche Schweigen, die trostlose Leere, vor der ich mich für immer muss verneigen, da sie niemals ein Ende nimmt. Nein, nein, ganz bestimmt wird es nicht mein Schicksal sein, sie nicht einmal mehr schauen zu können; Gott bewahre mich vor jenem Grauen, das sich meine Fantasie gelegentlich ausmalt, so will ich auch zufrieden sein, wenn die Sonne am Himmel strahlt und mich an ihr erfreuen wie die Kindelein. Auch wenn diese Liebe meine Gefühle nicht erwidern kann, so soll der Kummer nicht zum Diebe über meinen nächtlichen Schlummer werden, denn dieser wird nicht länger mir verbergen wie es sein könnt mit ihr.
Wie der Qualm in ihre Lungen strömt, wenn sie an ihrer Zigarette zieht, so ist sie in mich eingedrungen und fließt nun in meinen Adern. Seither flüstern Engelszungen unaufhörlich ihren Namen, der trotz seiner Einfachheit so wohlklingend in meinen Ohren tönt. Gewiss, es mag hübschere Damen geben, doch wie lässt sich Schönheit definieren? Was nützte mir das Abbild einer Perfektion, wenn ich mich ständig für mein Schlichtsein genieren, sie mich nicht wie ein Magier zu faszinieren und mir mit ihrer Art nicht auf so unbeschreibliche Weise, die keineswegs laut, eher leise, wenn auch wortgewandt zu beschreiben wäre, den Atem zu rauben vermag wie sie in solch seltsamer Manier getan? Sie allein weckt mein Interesse, das in ihrer Natur so inniglich, dass ich alles andere vergesse, wenig trinke, wenig esse, mich viel mehr nähre mit den Gedanken an sie. Mein Herz hab ich an ihr verloren, sie hat es sich auserkoren zu lieben, wie es niemals zuvor geliebt, denn in meinen Augen ist sie das schönste Geschöpf auf Erden, für sie könnt ich sterben, den herben Trunk des Todes zu mir nehmen, wenn es um ihr Leben ginge. Durch Feuer gehen, mich in tosende Fluten stürzen, einem jeden den Hals umdrehen, der es wagte ihr Leid anzutun und erst selber ruhen, wenn der Schlaf sie gänzlich bezwungen. Oft mein ich, sie sei noch so klein, obschon sie in mancherlei Dingen erfahrener scheint zu sein, verspüre ich den starken Drang sie zu beschützen, sie aufzufangen, wenn sie droht in die etlichen Pfützen zu fallen, die vor ihr aus dem Boden ragen. Ich würd sie auf Händen hinüber tragen, ohne zu klagen, bis ans Ende dieser Welt. Asiatische Zeichen schmücken den Knochen zwischen ihren Lenden. Sie entzücken und blenden mich mit ihrem Kontrast gegen ihre blasse Haut, die an manchen Stellen mit hellen Sommersprossen übersät ist. Wer verrät mir das Geheimnis, das mir ein Schlüssel zu ihrem Herzen wäre, den Riss, der das meine in zwei Hälften zerteilt zusammen wachsen ließe, damit es nicht noch mehr Blut und Tränen vergieße, an denen es bald droht zu ertrinken? Mit wie viel Schmerzen es auch verbunden, wie viel Leid und Elend, es müsst ertragen, nichts brächte mich zum Verzagen, nicht mal die stechende Hitze eines Schwertes brennender Spitze, die meine Brust durchbohrte, denn die Gewissheit, dass es mir alle Leere nähme, die mich von Kopf bis Fuße ausfüllt, mich durchflutet wie das Wasser die Meere und mir das Arkanum enthüllt wie es ist ein Gefühl von Liebe zu empfinden. Denn am Tage schwinden meine Sinne wieder, weil die Gedanken an meine Kleine sie vollkommen einnehmen. Schämen sollte ich mich für meinen Wankelmut, meine Schwäche, meine Ohnmacht. Es geht mir nicht gut; das bleibt sicherlich nicht unbemerkt vor ihr und ich bezweifle, dass sie nie in sich hinein lacht und sich lustig macht über meine Verkehrtheit und Lethargie. Welch Elendshaufen ich doch bin! Schaff es nicht mich zu verkaufen als jemand, den es zu lieben sich lohnt, nur weil er nicht gerade edel wohnt und nicht mit einer Schönheit beschenkt ist wie sie ihr mit den Jahren zuteil wurde. Es fällt mir schwer an mich zu glauben, mir zu erlauben das Wort zu erheben, wenn sie in der Nähe ist. Ihre Anwesendheit macht mich völlig sprachlos, denn aus purer Sorge was Falsches zu sagen, unterlass ich lieber sätmliche Fragen und versteck mich im Schweigen. Vielleicht sollte ich meinen Mut zusammen nehmen und anstatt zu reden zumindest ein paar liebe Zeilen schreiben und ihr geben, nur als nette Geste zum kommenden Anlass, denn schon bald wird das fette Fass aufgemacht und auf ihren Geburtstag angestoßen. Ich will sie in Ansätzen wissen lassen, was sie mir bedeutet, und dass ich sie nie mehr missen möchte. Hältst du das für einen guten Gedanken, lieber Freund? Oder vergeud ich nur meine Zeit? Alles nur, weil mein Herz nach Liebe schreit? Sollte ich sie nicht doch sinnvoller nutzen, vielleicht damit meine Stiefel zu putzen? Bitte schreib mir zurück, denn ich weiß nicht mehr ein noch aus. Kann mich an keinem Glück mehr mich erfreuen, schließ mich stets ein in meinem Kämmerlein und fange an mich vor Menschen zu scheuen. Für nichts kann ich mich begeistern, auf nichts kann ich meine Konzentration lenken, kann nicht rechnen, kann nicht denken, weil sie nicht aufhört in meinem Kopf herumzugeistern. In meiner Küche türmt sich Topf auf Topf, auf den Schränken der Staub, im Garten das Laub meiner Apfelbäume. Es wird wirklich Zeit, dass ich aufräume und zumindest versuche mich zusammenzureißen! Ich kann mir dieses Nichtstun nicht länger leisten. Seit Wochen hab ich nichts zu Papier gebracht. Hinter vorgehaltener Hand wird schon gelacht über mich. Dieser Brief an dich, sind die ersten Zeilen, die meine Finger füllen. Ich hoffe ich kann mich beherrschen, dass ich ihn nicht zusammen knülle und vor Verzweiflung in die Ecke pfeffer’, sondern tatsächlich an dich sende in der Hoffnung du hilfst mir einen Treffer zu landen, damit diese Schmach ein Ende hat. Ich hoffe du findest Zeit mir zu schreiben. So will ich verbleiben mit den herzlichsten Grüßen.
Dein treuer Freund, Gustave
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