Den
einen Tag dachte ich, dass die Klarheit in der Verwirrung zu finden
sei. Ich vermag mich nicht zu erinnern, wie mir dieser Gedanke kam,
aber ich begann ihn zu hinterfragen ob er der Wahrheit entspräche.
Wenn Verwirrung Klarheit bringt, so gesehen mit ihr identisch wäre,
dann wäre es ja eigentlich keine Verwirrung. Die Betonung liegt
demnach auf dem „bringen“, dem ein Weg von einem zum anderen
Punkt vorausgeht. Es stellt sich dann die Frage wodurch die
Verwirrung zur Klarheit wird. Die Antwort ließ nicht lange auf sich
warten, denn ist es mit der inneren Verwirrung nicht wie mit einem
verworrenen Wollknäuel, das zur Benutzung auseinander geflochten
werden muss? Muss ich nicht um Klarheit zu erlangen mich ebenso
entwirren oder zumindest auf irgendeinem Wege aus der Verwirrung
befreien? Wann immer ich in einer solchen steckte, sollte sie
unnatürlich lange andauern. Ich beobachtete meine Kameraden wie sie
ihrerseits damit umgingen und entdeckte einen deutlichen Unterschied
zwischen unseren Verhaltensweisen. Da wo ich mich auf die Suche begab
einen Weg aus der Verwirrung zu finden, würden die meisten ihr den
Rücken kehren. Kaum einer suchte nach dem Anfang, dem Grund oder
Ursprung, der die Verwirrung hatte ausgelöst, ganz so als würde es
sie nicht kümmern, woher sie rührte. Da wo ich mich in mein Zimmer
zurück zog und den Willen nicht aufbringen konnte mich anderweitig
zu beschäftigen als mich der Überlegung hinzugeben, würden die
meisten hinaus gehen, feiern, saufen und ihre Verwirrung schlicht weg
vergessen. Und siehe da...wie schnell schafften sie es dadurch sich
von ihr zu befreien! Aufgrund dieser Beobachtungen stellte sich für
mich heraus, dass die Entwirrung nur zustande gebracht werden kann,
indem man aufhört sie herbei zu sehnen und zu suchen. Wer verwirrt
ist, nehme also seine Verwirrung und sperre sie weg und sei es nur
symbolisch in eine Kammer seiner Seele. Diese eben öffnet sich und
verschließt die Verwirrung, indem man einen inneren Abstand zu ihr
gewinnt und ganz geschäftig tut, als wäre gerade jetzt so viel
anderes wichtiger als sich mit ihr auseinander zu setzen. Die
Verwirrung bleibt, sie steckt in einem fest und nur durch ihr
Einsperren vermag sie uns zu eben der Klarheit führen, nach der wir
uns sehnen, ganz so als wüsste sie, dass sie ihr Geheimnis
offenbaren muss um von ihren Fesseln erlöst zu werden. Und welch
Qualen wird es ihr bereiten, die so nach Aufmerksamkeit lechzt,
ignoriert und eingefangen zu sein! Wird sie nicht um so lauter
schreien, je fester wir die Tür zu ihrem Kerker ins Schloss drücken,
je dicker wir die Mauern ihres Verlieses um sie emporziehen? Welch
Kummer, welch Klagen wird aus ihren Gemächern dringen! Wenn wir dann
aus all dem Trubel heraustreten, in den wir uns hinein haben fallen
lassen, um ihr zu entkommen, so wird die Stille nun erfüllt sein von
ihrem Seufzen. Wer dann jedoch nicht gebannt ihrem Leiden lauschen
will, der verschließt nicht länger seine Verwirrung sondern seine
Klarheit. (Über wen mag sie noch in solch Häufigkeit hereinbrechen
wie über mich?) Klarheit ist also nicht direkt in der Verwirrung zu
finden ist, aber letztere ist ersterer Voraussetzung. Verwirrung
schafft demnach Klarheit, wobei das Schaffen ein Prozess ist, der
Zeit und Geduld erfordert. Zu guter Letzt muss dem Verwirrten bewusst
sein, dass er die Klarheit braucht, denn die nächste Verwirrung mag
schon auf der Lauer liegen und wehe dem, der seine Seele zu einem
Gefängnis heranwachsen lässt. Denn wenn ihn dann nachts das Klagen
seiner Verwirrungen aus dem Schlafe riss, so verwirrten sich die
Seufzer ineinander und er würde abermals verwirrt durch all die
weinenden Stimmen. Wie will er die vielen verschiedenen Laute dann
noch entwirren? Drum sollte jeder gewahr sein nur einen Bunker in
sich zu bauen, der nur eine Verwirrung beherbergen kann. Mein
Voranschreiten soll einerseits einen Abstand herbeiführen, aber mein
Weg soll nicht etwa aus der Verwirrung hinaus führen, sondern
geradewegs in ihr Zentrum hinein, ganz so als wäre sie ein
Wirbelsturm, um dessen ruhiges Auge die Winde wüten.
Und
da meinte ich zu erahnen, dass es sich mit der Liebe ebenso verhalten
müsste. Dass unserer Liebe Vollendung nur in ihrem Verlust zu finden
sei. Wenn es doch so sei, dass sie wahr ist, was würde es dann
ändern, wenn ich sie losließe? Würde sie nicht von sich aus zu mir
zurückkehren wie ein Bumerang, den man von sich wirft? Wenn ich sie
in mir verschanzte, im hintersten Winkel meines Herzens, würde ich
dann nachts nicht von ihrem Flehen sie aus der Dunkelheit zu befreien
geweckt? Oder vergäße ich sie wie etwas, was einst verloren ging?
Diese
Frage ruft mir ein Ereignis in Erinnerung.
Den
einen Tag, mich hatte es in die Wälder gezogen, da kamen mir all
diese Gedanken und so ließ ich mich nieder und begann sie
aufzuschreiben. Mir ward alles so klar, dass es mir unvorstellbar
schien jemals anders gedacht zu haben. Als ich nach Hause zurück
gekehrt war, fand ich jenen Zettel, auf dem ich alles festgehalten
hatte, nicht mehr wieder. Ich durchsuchte meine Hosentaschen und
meine Jacke, doch er blieb verschollen. Ich merke wie die Panik
darüber ihn verloren zu haben in mir hochschoss und anfing mich zu
beherrschen. In jener Nacht wollte der Schlaf lange Zeit nicht über
mich kommen, weil ich mich so sehr verzerrte nach meinen Worten und
die Verzweiflung darüber nicht abklingen wollte. Anstatt sie
abermals zu formulieren, versank ich in meiner Verzagtheit über
ihren Verlust, dabei war ich doch noch kurz zuvor so erfüllt gewesen
von jenen Ideen. Am nächsten Tag konnte kaum eine Seele mich
aufmuntern. Zunächst sann ich stundenlang darüber nach was ich
gedacht hatte, doch die Worte waren wie aus meinem Kopf gefegt.
Schließlich zwangen mich meine Verpflichtungen aus dem Haus und
schafften es mich für einige Stunden vom Grübeln abzulenken. Als
ich gen Abend heimkehrte, war es kühl geworden und ich schichtete
eine Reihe Holzpflöcke im Kamin auf und zündete sie an um den Raum
zu erwärmen. Nachdem ich mir eine heiße Tasse Tee bereitet hatte
und schließlich vor dem Kamin saß, blickte ich gedankenverloren in
die lodernden Flammen. Plötzlich kam mir der Gedanke, was ich täte,
wenn ich einschliefe und ein Fünkchen heiße Glut mir die Möbel
entfachte. Ich fragte mich, welch Verlust mich wohl schlimmer träfe,
der meines Hab und Guts oder der eines Gedankens. Da schien mir mein
Gram schon etwas lächerlicher, doch ganz verwerfen konnte ich ihn
immer noch nicht. Mein Blick ging im Raum umher und schweifte vom
Kamin hinüber zu Sessel und Tisch, zu Regalen mit Büchern und
Schallplatten, vorbei an Wandgemälden und Fotografien. Da überkam
es mich wie ein Schauer, und mir wurde so warm, dass ich mich
inmitten des Kaminfeuers sitzend glaubte. All das, dachte ich,
besitze ich nicht, auch wenn jeder Gast es als mir zugehörig
zuwiese. Natürlich kann ich Dinge für mich einnehmen und behaupten
sie gehörten mir, aber solange ich in mir weiß, dass sich nichts in
meinem Besitz befindet, kann ich auch nichts verlieren. Selbst wenn
meine Fantasie vom verbrannten Hause wahr würde, was würde es mich
dann kümmern, wenn ich mir sagte, dass nichts dort zu Staub
zerfallen ist, was von Bedeutung gewesen wäre. Alles was für mich
von Wichtigkeit ist, alles was ich besitzen muss, ist in mir
verankert. Waren es nicht jene Gedanken am Tage zuvor, dass ich auch
sie und auch sonst keinen anderen Menschen je besitzen werde, aber
stattdessen die Liebe in mir bleibt, und es eben jene ist, die uns
verbindet? O was kümmerte mich da noch der Verlust dieses Streifen
Papiers, was frohlockte mir mein Herz über diese Wahrheit!
Demnach,
um die anfängliche Frage wieder aufzugreifen, bliebe die Liebe in
mir. Solange ich mir über sie im Klaren bin, will ich sie auch
weiterhin in mir tragen, nicht jedoch hinter Schloss und Riegel,
sondern ganz und gar frei schwebend. Wie wird sie mir mein Herz
beglücken in ihrer Klarheit, selbst dann wenn sie in unserer
körperlichen Trennung ihre Vollendung gefunden hat.
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