"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Montag, 16. April 2012

Von der Unmöglichkeit eine erkannte Wahrheit zu vergessen


Es ist allseits bekannt, dass der Rausch das Bewusstsein in andere Spähren führt. Auch wenn ich mich gerne davon frei spräche, komme ich nicht umhin zu gestehen, dass er auch mich in einen Zustand versetzt, in dem mich tiefere und mir selbst den Atem um einiges mehr raubende Erkenntnisse überkommen. Da sind all meine Sinne geschärft und manchmal ist es mir, als sei ich gänzlich auf meinen Geist reduziert. Ich fühle mich so ganz bei mir, sehe alles so klar, ohne darüber nachdenken zu müssen. Als hörte ich einem unsichtbaren Gesprächspartner zu, der voller Weisheit mit fremden Zungen zu mir spricht. Seine Worte mögen rätselhaft klingen, doch alles was an mein Ohr ist mir so voller Sinn, als sei es aus mir entsprungen, als sähe ich den Beweis vor meinen Augen, obwohl jene Dinge nicht in Bildern darzustellen sind. Wie könnte man das Verständnis von etwas visualisieren? Ich sehe es ja eher in Form von Gefühlen, die mir so eindringlich sind, als seien sie sichtbar. Es ist ein Wust von Information, dass ich kaum hinterher komme alles zu notieren. Eine Weile befinde ich mich wie in Trance, aus der ich mich nicht zu lösen vermag. Wahrscheinlich geht es vielen oft so. Wenn nur alle wüssten, dass das der Künstler ist, der jedem einzelen Menschen innewohnt! Vielleicht ist nur derjenige Künstler, der sich tatsächlich aufrafft und es wagt aus dieser Trance heraus zu brechen. Wie leicht könnte er den Drang ignorieren und sich der Trägheit hingeben, doch er liebt ja was er tut und wird das Unterdrücken nicht mehr wollen. Er empfindet es nicht länger als Pflicht seine Ideen zu Papier zu bringen, es wird ihm zur Manie. Es ist demnach nicht die Angst, etwas zu vergessen, die ihn treibt, denn er weiß, dass ihm nichts abhanden kommen kann, was von Wichtigkeit wäre. Die Erkenntnis bleibt ja allemal erfasst, da ihm doch von diesem Augenblick an, alles so eindeutig erscheint, und er sich kaum entsinnen kann, wie er sich vorher gefühlt haben muss. Es ist ja doch ein Fund, der gemacht wurde und wer etwas findet, der hat es. Gegenstände können abhanden kommen oder entwendet werden; der Erkenntnis aber kann er nicht mehr beraubt werden, auch wenn man meinen könnte sie verlöre sich mit dem Abklingen des Rausches, als gleiche sie einem sehr deutlichen Traum, der doch mit dem Erwachen immer mehr verblasst und bald schon nicht mehr zu fassen sei. Denn sie bleibt ihm ja nicht bloß in Erinnerung, sondern bemächtigt sich seines ganzen Seins, als löse sie in ihm eine Veränderung aus, die nicht mehr behoben werden kann. Ist sie nur meistens nicht so deutlich spürbar, in Form eines neuen Lebensgefühls, oder gar sichtbar wie eine Narbe, die fortlebens eine Stelle am Körper markiert, sondern nistet sich ein, ganz leise und schmerzlos im tiefsten Innern seiner Wahrnehmung. Wie könnte ihm diese Veränderung auch auffallen, da er doch nicht den Vergleich hat, wie er zukünftige Erlebnisse ohne die Erkenntnis hätte wahrgenommen. Er nimmt sie ja nur auf eine Weise wahr, eben so wie er es tut in jenem Moment. Wie oft treten Menschen an uns heran und behaupten eine starke Veränderung an uns festzustellen. Wir können erahnen, wovon sie sprechen, aber dennoch fühlen wir uns nur so wie wir uns jetzt fühlen, und können nicht begreifen jemals anders gefühlt und somit in bestimmten Situationen auch anders gehandelt zu haben. Da will man beizeiten noch einmal zurück fühlen um sich selbst nachvollziehen zu können, und muss sich schnell mit Erinnerungen zufrieden geben, weil man die Unmöglichkeit dessen erkennt. Fakt ist jedoch, dass man immer wieder auf eine Weise handeln wird, über die man nach geraumer Zeit mit dem Kopf schütteln und sich nach den Gründen fragen wird, ohne eine Antwort zu erhalten. Den Schreiber treibt dieses Vergessen seiner Gefühlslage in den Wahnsinn, deshalb ist es ihm wichtig sie festzuhalten, und sind's auch nur Worte, die nicht vermögen die einstige Empfindung zurückzuholen, da es ja nun mal Erinnerung bleibt und die Erinnerung an ein Gefühl niemals identisch mit dem Ursprungsgefühl sein kann. Doch was soll ich länger verzweifeln, über etwas was nicht zu ändern ist. Und mit dem Verwerfen meiner Verzweiflung passiert's! Der Schreiber reißt die Augen auf und ruft aus: Schreibe ich denn nur für mich? Ich will doch einen Leser! Und vielleicht befindet sich dieser gerade zu dem Zeitpunkt, da seine Augen auf den Text treffen, in einer vergleichbarer Phase seines Lebens, dass sich ihm eine Wahrheit über sich selbst offenbart. Wie ist dem Schreiber diese Vorstellung eine Wonne, wenn er sich ausmalt, dass seine Worte jemandem eine Erkenntnis brächten oder ein Verständnis von seinem eigenen Leben vermittelten, denn dies ist sein Reichtum, der ihn nur glücklich machen kann, wenn auch andere ihn sehen, wenn andere sich bereichert fühlen durch seine Bereitschaft etwas abzugeben, sich hinzugeben, sich mitzuteilen, sich selbst zu teilen.
Wird dem Künstler sein Geist so eindringlich, dass er die Erzeugnisse festhält und später kaum selbst mehr erklären kann wie ihm jene Erleuchtung kam, da es für ihn kein Weg gab, sondern er mit einem Male alles so sah, so wird sein Schaffen zum Kunstwerk. Auf einmal ist's da, erschaffen wie von Geisterhand, und ist so wunderlich ob seiner Plötzlichkeit, durch die es entstand. Keiner versteht's, nicht mal der Künstler selbst und gleichzeitig scheint's so einleuchtend, als sei es das Simpelste aller Dinge.

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