"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Mittwoch, 18. April 2012

Was ist Zeit?


Als Mensch kann ich Zeit auf zweierlei Arten empfinden. Ist sie sehr schnell vergehend, gebe ich diesen Eindruck nicht selten an meine Mitmenschen weiter, indem ich behaupte, die Zeit rase schon wieder so, weiß ich doch ganz genau, dass sie stets ihr gleiches Tempo behält. So ist es lediglich meine Empfindung, meine Auffassung von einer Zeitspanne, die sich für mich anfühlt als sei sie schneller vergangen als sonst. Dann wiederum gibt es Tage, an denen sich die Zeit zu ziehen scheint. So sehne ich das Ende eines Tages herbei und wünsche mir auch der nächste möge rascher vorüber gehen. Innerhalb solcher Phasen empfinde ich oft eine Art Trostlosigkeit, die mich am Sinn des Lebens zweifeln lässt. Wozu das alles, frage ich mich, meistens dann, wenn sich ein gewisser Trott eingeschlichen hat, der es mir fast unmöglich macht, das Heute vom Gestern zu unterscheiden. Die Frage verbalisiert meine Sinnsuche, die ständig von Neuem zu beginnen scheint, weil sie mir doch jedes Mal vermittelt, dass ich noch nicht angekommen bin. Dennoch ist sie immer neu, vor allem dann, wenn ich schon begriffen habe, dass sie niemals aufhören wird ein Teil meines Selbst zu sein. Der Versuch sich an diese Erkenntnis, die mir doch selbst gekommen, zu erinnern, scheitert meist genau in diesem Moment, der sich mir so sinnlos zeigt. Wenn es also dem Menschen gelänge, gerade dann, wenn er die Suche beginnt, sich im Erinnern an die Unmöglichkeit ihrer Erklärung fallen zu lassen und es fertig bringt sie aufzugeben, wird er bei sich ankommen. Genau dann wird er zum Gott, wenn für ihn die Zeit aufhört zu existieren und er erkennt, dass sie der Ewigkeit entspricht. Er nimmt sie nicht mehr wahr als Zeit mit Blick auf die Uhr, sondern schließt die Augen und spürt ihr Ewigsein, in dem er jeden Moment ganz intensiv erlebt. Verrennt er sich in diesen Gedanken, sprich hört er nicht auf alles daran zu setzen diesen Zustand beizubehalten, so wird es ihm zwar ein Leichtes sein, die Zeit Zeit sein zu lassen, doch davor sei er gewarnt, ist er doch nicht dazu geschaffen Gott zu sein, sondern Mensch. Er braucht die Zeit um eben den Sinn im Leben zu sehen, sonst gerät es ihm aus den Fugen. Die Zeit entspricht der Ewigkeit, doch selbst wenn der Mensch das erkennt, darf er nicht wieder seinem Menschsein entsagen, indem er sich der Zeit verweigert, sondern muss sie annehmen als eine menschliche Sehnsucht, die gestillt werden muss. Wie wäre es um das Leben des Menschen bestellt, wenn er sich nicht der Zeit unterwürfe? Es verwandelte sich in ein Chaos, das über kurz oder lang nur noch schwer zu beseitigen wäre. Der Mensch braucht die Zeit aufgrund seines Strebens nach Ordnung und Perfektion. Ohne eine zeitliche Regelung geriete so manches aus dem Ruder. Dass dies beizeiten passiert ist ebenso wichtig. Um das Leben genießen zu können, darf es dem Menschen an beidem nicht mangeln.
Jedoch, sich in einem Moment verlieren zu können, selbst wenn die Erkenntnis da war, stellt sich ihm ebenfalls als Herausforderung dar, die er mit großer Erwartung annimmt. Er sagt sich, dass sie sicherlich Geduld und Kraft kostet, doch liegt auch hier die Erfüllung einzig im Aufgeben eben dieses Ziels jene Aufgabe zu meistern. Solange er sich gedanklich mit ihr beschäftigt und versucht sie zu bewältigen, entfernt er sich anstatt sich ihr zu nähern.
Warum ist mir die Zeit mal schnell, mal langsam? Sie wird es immer nur sein, im Hinblick auf eine Ankunft, die ich entweder herbei sehne oder vor der ich flüchten möchte. Bin ich fern von meiner Liebe, so scheinen mir die Minuten zu Stunden zu werden, in denen ich voller Erwartung auf unser Wiedersehen bin. Dann wiederum, vergehen sie mir im Flug, wenn jemand mit einer unverrückbaren Frist nach der Abgabe einer Dissertation verlangt, die ich zu bewerkstelligen habe. Es sind das Wiedersehen und die Abgabe, die einen großen Teil meiner Gedanken einnehmen und mir die Zeit überhaupt zur Zeit werden lassen. Schaffe ich es nicht an sie zu denken, so wird sie mir ewig; ich kann einerseits voller Genuss in der Vorfreude schwelgen und anderseits ganz unbeschwert meine Seiten schreiben. Doch wehe dem, der es nicht wagt sich aus diesem wohligen Zustand zu lösen, aus Angst ihn zu verlieren! Wie verpasste er doch sicherlich die Ankunft seiner Liebe oder den Tag der Einsendung.

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