Als Mensch kann ich Zeit auf zweierlei
Arten empfinden. Ist sie sehr schnell vergehend, gebe ich diesen
Eindruck nicht selten an meine Mitmenschen weiter, indem ich
behaupte, die Zeit rase schon wieder so, weiß ich doch ganz genau,
dass sie stets ihr gleiches Tempo behält. So ist es lediglich meine
Empfindung, meine Auffassung von einer Zeitspanne, die sich für mich
anfühlt als sei sie schneller vergangen als sonst. Dann wiederum
gibt es Tage, an denen sich die Zeit zu ziehen scheint. So sehne ich
das Ende eines Tages herbei und wünsche mir auch der nächste möge
rascher vorüber gehen. Innerhalb solcher Phasen empfinde ich oft
eine Art Trostlosigkeit, die mich am Sinn des Lebens zweifeln lässt.
Wozu das alles, frage ich mich, meistens dann, wenn sich ein gewisser
Trott eingeschlichen hat, der es mir fast unmöglich macht, das Heute
vom Gestern zu unterscheiden. Die Frage verbalisiert meine Sinnsuche,
die ständig von Neuem zu beginnen scheint, weil sie mir doch jedes
Mal vermittelt, dass ich noch nicht angekommen bin. Dennoch ist sie
immer neu, vor allem dann, wenn ich schon begriffen habe, dass sie
niemals aufhören wird ein Teil meines Selbst zu sein. Der Versuch
sich an diese Erkenntnis, die mir doch selbst gekommen, zu erinnern,
scheitert meist genau in diesem Moment, der sich mir so sinnlos
zeigt. Wenn es also dem Menschen gelänge, gerade dann, wenn er die
Suche beginnt, sich im Erinnern an die Unmöglichkeit ihrer Erklärung
fallen zu lassen und es fertig bringt sie aufzugeben, wird er bei
sich ankommen. Genau dann wird er zum Gott, wenn für ihn die Zeit
aufhört zu existieren und er erkennt, dass sie der Ewigkeit
entspricht. Er nimmt sie nicht mehr wahr als Zeit mit Blick auf die
Uhr, sondern schließt die Augen und spürt ihr Ewigsein, in dem er
jeden Moment ganz intensiv erlebt. Verrennt er sich in diesen
Gedanken, sprich hört er nicht auf alles daran zu setzen diesen
Zustand beizubehalten, so wird es ihm zwar ein Leichtes sein, die
Zeit Zeit sein zu lassen, doch davor sei er gewarnt, ist er doch
nicht dazu geschaffen Gott zu sein, sondern Mensch. Er braucht die
Zeit um eben den Sinn im Leben zu sehen, sonst gerät es ihm aus den
Fugen. Die Zeit entspricht der Ewigkeit, doch selbst wenn der Mensch
das erkennt, darf er nicht wieder seinem Menschsein entsagen, indem
er sich der Zeit verweigert, sondern muss sie annehmen als eine
menschliche Sehnsucht, die gestillt werden muss. Wie wäre es um das
Leben des Menschen bestellt, wenn er sich nicht der Zeit unterwürfe?
Es verwandelte sich in ein Chaos, das über kurz oder lang nur noch
schwer zu beseitigen wäre. Der Mensch braucht die Zeit aufgrund
seines Strebens nach Ordnung und Perfektion. Ohne eine zeitliche
Regelung geriete so manches aus dem Ruder. Dass dies beizeiten
passiert ist ebenso wichtig. Um das Leben genießen zu können, darf
es dem Menschen an beidem nicht mangeln.
Jedoch, sich in einem Moment verlieren
zu können, selbst wenn die Erkenntnis da war, stellt sich ihm
ebenfalls als Herausforderung dar, die er mit großer Erwartung
annimmt. Er sagt sich, dass sie sicherlich Geduld und Kraft kostet,
doch liegt auch hier die Erfüllung einzig im Aufgeben eben dieses
Ziels jene Aufgabe zu meistern. Solange er sich gedanklich mit ihr
beschäftigt und versucht sie zu bewältigen, entfernt er sich
anstatt sich ihr zu nähern.
Warum ist mir die Zeit mal schnell, mal
langsam? Sie wird es immer nur sein, im Hinblick auf eine Ankunft,
die ich entweder herbei sehne oder vor der ich flüchten möchte. Bin
ich fern von meiner Liebe, so scheinen mir die Minuten zu Stunden zu
werden, in denen ich voller Erwartung auf unser Wiedersehen bin. Dann
wiederum, vergehen sie mir im Flug, wenn jemand mit einer
unverrückbaren Frist nach der Abgabe einer Dissertation verlangt,
die ich zu bewerkstelligen habe. Es sind das Wiedersehen und die
Abgabe, die einen großen Teil meiner Gedanken einnehmen und mir die
Zeit überhaupt zur Zeit werden lassen. Schaffe ich es nicht an sie
zu denken, so wird sie mir ewig; ich kann einerseits voller Genuss in
der Vorfreude schwelgen und anderseits ganz unbeschwert meine Seiten
schreiben. Doch wehe dem, der es nicht wagt sich aus diesem wohligen
Zustand zu lösen, aus Angst ihn zu verlieren! Wie verpasste er doch
sicherlich die Ankunft seiner Liebe oder den Tag der Einsendung.
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