"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."
Mittwoch, 7. März 2012
Ende des Maskenballs
Die Nacht endet um 4:30 Uhr. Was mich aus meinen Träumen über Pornoheftchen und losen Geldscheinen in meinen Hosentaschen aus dem Schlaf riss...ich weiß es nicht. Doch als ich draußen eine Autotür knallen höre und eine helle Stimme sich bedankend verabschieden, denke ich: Guten Morgen, Schatz! Immerhin geht's dir gut. Betrunken klingst du auch nicht. Mir wird sofort bewusst: das wars fürs Erste was die restlichen Stunden angeht, bis der Wecker klingelt. Was den pochenden Kopfschmerz in meinen Schläfen auslöste, ob er ein Nachbote meiner skurrilen Träume ist oder erst mit dem plötzlichen Erwachen entstand...ich weiß es nicht. Jedenfalls fühlt sich mein Schädel an, als hätte er sich während der Verabschiedung von der unbekannten Person zwischen Wagentür und Karosserie befunden. Vielleicht sollte ich aufhören mit meinem "Sinnesschärfungs-Projekt". Waren mir deine Schritte schon immer so eindringlich, wenn du auf leisen Sohlen das Treppenhaus in den fünften Stock erklommst? Meine Augen sind noch ganz verklebt und brennen vor Müdigkeit, aber dahinter bin ich wacher als zu manch Mittagsstunde. Krampfhafte Versuche mich auf meinen Traum zu konzentrieren um wieder in ihn zurück zu sinken, scheitern, weil dein Husten und Röcheln mich in der Realität hält. Ich ertappe mich dabei, wie ich ganz unbeweglich da liege um ja keinen deiner Laute zu verpassen. Du bist mir so fern und doch so nah. Drei Meter Luftlinie trennen mich von deinen warmen Armen. Die Erinnerung daran durchfährt mich wie ein heißer Rausch. Auch bei dir herrscht stickige Luft. Du öffnest das Fenster. Welch vertrautes Bild. Hinter zugenähten Lidern sehe ich deine Hände wie sie sich zur Decke recken um mit kräftigem Druck die an der schrägen Wand eingelassene Scheibe nach vorne zu stoßen. Langsam strecke ich meinen Arm in die Luft in der Vorstellung, dass deine Hände gerade nicht die Velux-Stange halten, sondern gegen den Boden gepresst sind um einen Gute-Nacht-Segen auf mich zu legen. Draußen zwitschern die Vögel schon ihren morgentlichen Gruß, doch meine Ohren lauschen nur dem dumpfen Klopfen deiner Bewegungen. Mit jedem Schritt schlägt eine Bombe in meinem Kopf ein. Das Wasserrauschen deiner Toilettenspülung...ich stelle mir vor es seien deine Tränen, die dir in Bächen über die Wangen laufen. Vermiss mich! Begehr mich, verzehr dich nach mir! Was denkst du, wenn du dir jetzt die Schminke von den Wangen wischt? Verzweifelst du beiweilen über die Erinnerung an meine Feinfühligkeit mit der ich dir nach solch durchzechten Nächten das Weiß und Schwarz vom Gesicht wusch? Wenn du's jetzt tust, will ich es auch wieder tun. Ich hab alles was ich brauch...feuchte Tücher, einen warmen Waschlappen und die Tube mit der Nachtcreme. Behutsam entferne ich deine Wimpern vom Mascara und gleite zärtlich über deine Wangen. Ganz rot sind sie unter der Make-Up-Maske, als ströme viel Blut darunter. Ich mach alles so wie ich's von dir gelernt hab...immer von innen nach außen streichen und die Creme in kleinen Kreisen einmassieren. Der Genuss ist jetzt sechs Jahre her, doch ich erinnere mich genau an den Tag, den wir in meinem Kinderzimmer verbrachten. Nie zuvor hatte ich so entspannt in meinem Bett gelegen. Ich hatte dich nicht darum gebeten, wäre mir doch nie so etwas in den Sinn gekommen. Wie fingst du an dich mir zu öffnen, schon damals, indem du mich auf so angenehme Weise in deine Fähigkeiten einwiesest. Wie waren mir deine Fürsorge und Sorgfalt mit der du mein Gesicht berührtest, Beweis für die Wärme, die du in dir trugst. Die Gedanken daran lassen mir auch jetzt das Blut zu Kopfe steigen. Wie gern hätt' ich solch Liebkosungen seither nochmal genossen! Warum war es mir stets so fern ab jeglicher Vorstellung, dich danach zu fragen, ganz so als wäre mir die Erinnerung an jene glücklichen Stunden abhanden gekommen? Ich bitte nicht, ich werde gebeten. Ich bin nicht klein, ich will für dich da sein. Wie hab ich mich vergessen durch dich, und wie sehr weiß ich jetzt, dass es von großer Notwendigkeit ist sich selbst zu verlieren. Wie sonst kann sich der Mensch denn finden? Was ich hab, ist mir viel zu nah, als dass ich es sehen könnte. Was mir abhanden kommst, hinterlässt ein Loch. Stürzt auch du dich hinein? Traust auch du dich klein zu sein?
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