"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Dienstag, 6. März 2012

Meiner Großmutter

Ich hab dich kaum gekannt, aber kein älterer Mensch war zu meinen Lebzeiten so lang mit mir verwandt. Wie verwirrt dein Blick war, als er im 85. Lebensjahr zum ersten Mal einen Euroschein sah. Ich hatte die Wahl, doch nahm die Scheine aus deiner Hand, ganz ohne Vorwand und Qual. Jetzt stehe ich in Gedanken an deinem Grabe und weine, dass ich dich um die Hälfte bestahl, wie ein diebischer Rabe. Du hast mich nicht gefragt, wie viel dies nun sei, und ich dacht bei mir, was sei schon dabei, und hab nichts gesagt.
Darf ich dir heute an deinem 97. Geburtstage die Frage stellen und dich bitten mir zu verzeihen?
Eigentlich wollte ich es mir nur leihen...
Ach, was red ich...jetzt fang ich schon an deine Ruhestätte mit Schwindeleien zu entweihen. Ich wollte es nehmen und keinem etwas davon abgeben, auch mit niemanden drüber reden, nicht mal drüber schreiben. Jetzt reibe ich mir die Augen, weil ich mit der Sünde leben muss. Doch im tiefstem Glauben trete ich heute vor dich hin und hoffe, dass wenn ich zu ihr stünde und sie in die Welt hinaus verkünde, mir die Bürde vom Rücken genommen würde. Augenschließend stell mir vor, dass du einem heiligen Menschen deine Stimme hätt's verliehen, der in deinem Namen zu mir spricht: "Dir sei verziehen!"

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