"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Donnerstag, 22. März 2012

Vom Lieben und Begehren


Will denn der Mensch nicht einen Menschen, den er lieben kann? Und ist diese Liebe nicht zur Hälfte auf die Fehlerhaftigkeit und Unwahrheit des Menschen begründet, eben weil doch der Liebende auch ein Mensch ist? Nehmen wir an, da sei ein Liebender, der er sich selbst untersagt fehlerhaft zu sein, der partout keine machen will und alles daran setzt dieses Vorhaben zu bewerkstelligen, dann entwickelt sich in ihm, wenn auch unbewusst, die Erwartungshaltung an den Geliebten sich ebenso zu verhalten, auf dass die Liebe niemals ins Wanken gerate. Doch was wenn der Geliebte es eben nicht zu seiner Lebensaufgabe macht, sich keine Fehler zu erlauben, sondern dahin lebt und liebt und nicht viel nachdenkt über falsche oder richtige Entscheidungen, dann hat der Liebende es umso schwerer sich selbst im Zaume zu halten und weiterhin Güte und Erbarmen walten zu lassen. Er bleibt allein mit seinem Kampf, da er dem Geliebten ja die Welt zu Füßen legt und dieser um nichts kämpfen braucht. Und wie weiß der beizeiten nicht wie ihm geschieht und ist gar ganz verwirrt ob der liebevollen Behandlung, die er doch nimmer verdient hat. Was fängt er da an den Liebenden zu vergöttern, da ihm doch seine Reaktion so göttlich erscheint und wie geraten dadurch menschliche Bedürfnisse in den Hintergrund, denn wie könnte er Begehren für einen Gott empfinden? Was ist das für ein Begehren im Menschen? Was begehrt er? Er begehrt doch den Menschen! Doch wenn sich dem Geliebten der Mensch nicht zeigen will, welches Begehren sollte er da entwickeln? Da stellt sich die Frage nach dem Grund für das Begehren des Menschen nach seines gleichen und siehe da! Die Antwort steckt ja gar mit drin! Sucht er denn nicht jemanden, der ihm gleicht, jemanden, in dem er sich selbst sieht, jemandem, der es ihm erleichtert seine eigene Menschlichkeit anzunehmen, jemanden, der es ihm möglich macht sich selbst zu lieben? Denn wie groß ist des Menschen Schuld, wie treibt ihn sein Wesen oft bis an den Rande der Verzweiflung, wenn er erkennt, welch Monster im Menschen steckt und dass er selbst aus diesem Geschlecht entsprungen ist. Und wie wollte der Liebende eben das Menschliche in sich verleugnen, wie wollte er gleichen einem Engel auf Erden, der Frieden bringt und eine Liebe, die rein ist und wahr. Doch der Mensch ist Mensch und kann sein Menschsein nicht auf ewig verstecken, selbst wenn es ihm gelingt den Geliebten so fernab von aller Menschlichkeit zu bringen, dass dieser schon bald selbst einem Engel gleiche und beide meinen das Glück in seiner Vollkommenheit zu empfinden, so merken sie alsbald, dass sie etwas bedrückt, weil etwas unterdrückt wird, ein Verlangen, das ihnen innewohnt. Und wie empfinden beide da ein großes Schamgefühl vor dem anderen, wie viel Angst ist da einander zu verletzen. O welch Furcht, welch Zittern! Der Geliebte kommt nicht dagegen an. Er will wieder Boden unter seinen Füßen spüren und wie viel Liebe muss im Liebenden sein sich weiterhin an ihn zu klammern und einzutauchen ins Menschsein, selbst wenn er weiß, dass sich ihre Wege dort trennen müssen, weil ihre Liebe nicht bestehen kann in dieser Unwahrheit.

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