Will denn der Mensch nicht einen
Menschen, den er lieben kann? Und ist diese Liebe nicht zur Hälfte
auf die Fehlerhaftigkeit und Unwahrheit des Menschen begründet, eben
weil doch der Liebende auch ein Mensch ist? Nehmen wir an, da sei ein Liebender, der
er sich selbst untersagt fehlerhaft zu sein, der partout keine machen
will und alles daran setzt dieses Vorhaben zu bewerkstelligen, dann
entwickelt sich in ihm, wenn auch unbewusst, die Erwartungshaltung an
den Geliebten sich ebenso zu verhalten, auf dass die Liebe niemals
ins Wanken gerate. Doch was wenn der Geliebte es eben nicht zu seiner
Lebensaufgabe macht, sich keine Fehler zu erlauben, sondern dahin
lebt und liebt und nicht viel nachdenkt über falsche oder richtige
Entscheidungen, dann hat der Liebende es umso schwerer sich selbst im
Zaume zu halten und weiterhin Güte und Erbarmen walten zu lassen. Er
bleibt allein mit seinem Kampf, da er dem Geliebten ja die Welt zu
Füßen legt und dieser um nichts kämpfen braucht. Und wie weiß der
beizeiten nicht wie ihm geschieht und ist gar ganz verwirrt ob der
liebevollen Behandlung, die er doch nimmer verdient hat. Was fängt
er da an den Liebenden zu vergöttern, da ihm doch seine Reaktion so
göttlich erscheint und wie geraten dadurch menschliche Bedürfnisse
in den Hintergrund, denn wie könnte er Begehren für einen Gott
empfinden? Was ist das für ein Begehren im Menschen? Was begehrt er?
Er begehrt doch den Menschen! Doch wenn sich dem Geliebten der Mensch
nicht zeigen will, welches Begehren sollte er da entwickeln? Da
stellt sich die Frage nach dem Grund für das Begehren des Menschen
nach seines gleichen und siehe da! Die Antwort steckt ja gar mit
drin! Sucht er denn nicht jemanden, der ihm gleicht, jemanden, in dem
er sich selbst sieht, jemandem, der es ihm erleichtert seine eigene
Menschlichkeit anzunehmen, jemanden, der es ihm möglich macht sich
selbst zu lieben? Denn wie groß ist des Menschen Schuld, wie treibt
ihn sein Wesen oft bis an den Rande der Verzweiflung, wenn er
erkennt, welch Monster im Menschen steckt und dass er selbst aus
diesem Geschlecht entsprungen ist. Und wie wollte der Liebende eben
das Menschliche in sich verleugnen, wie wollte er gleichen einem
Engel auf Erden, der Frieden bringt und eine Liebe, die rein ist und
wahr. Doch der Mensch ist Mensch und kann sein Menschsein nicht auf
ewig verstecken, selbst wenn es ihm gelingt den Geliebten so fernab
von aller Menschlichkeit zu bringen, dass dieser schon bald selbst
einem Engel gleiche und beide meinen das Glück in seiner
Vollkommenheit zu empfinden, so merken sie alsbald, dass sie etwas
bedrückt, weil etwas unterdrückt wird, ein Verlangen, das ihnen
innewohnt. Und wie empfinden beide da ein großes Schamgefühl vor
dem anderen, wie viel Angst ist da einander zu verletzen. O welch
Furcht, welch Zittern! Der Geliebte kommt nicht dagegen an. Er will
wieder Boden unter seinen Füßen spüren und wie viel Liebe muss im
Liebenden sein sich weiterhin an ihn zu klammern und einzutauchen ins
Menschsein, selbst wenn er weiß, dass sich ihre Wege dort trennen
müssen, weil ihre Liebe nicht bestehen kann in dieser Unwahrheit.
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