"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."
Sonntag, 11. März 2012
Wasserratten
Es ist 6.00Uhr. Mein Wecker klingelt ohne von Nöten zu sein. Gemächlich begebe ich mich ins Badezimmer, schlüpfe aus meinem Pyjama hinein in die blau-weiß gestreifte Bikini-Bugse und hebe meine Brüste in die kleinen Dreiecke des Oberteils, die in der Mitte spitz nach vorne zeigen, weil mir so kalt ist. 'Nippelalarm', denke ich um mich vom Rest des Anblickes abzulenken. Mein träger Blick in den Spiegel ist jedoch mehr auf meine müden Augen zurückzuführen, die dunkel umrandet sind, als auf die Unzufriedenheit gegenüber dem was sie zu sehen bekommen. 'Whatever, immerhin bin ich seit knapp zwei Stunden wach'. Ich lächle und verzeihe mir meine morgentliche Hässlichkeit. Ich mag mich. Es ist 6.00Uhr, mir ist eisekalt und ich trage einen Bikini. Die nächste S-Bahn komm in zwanzig Minuten. Genügend Zeit mein Schwimmzeug zu packen und das dreckige Geschirr vom Vorabend zu spülen. Bewusst denke ich nicht an die Zeit. Ich weiß, dass es nicht solange dauern wird zwei Müslischüsseln, einen Teller, drei Löffel, zwei Messer und Gabeln zu waschen. Die Pfannen müssen erstmal einweichen. Den Topf schaffe ich noch. Ruhig trockne ich alles ab und räume es in den Küchenschrank. Das Einrauschen der Bahn in die entgegen gesetzte Richtung verrät mir die Uhrzeit ohne, dass ich es wissen wollte. Noch fünf Minuten. Perfektes Timing! Eingepackt in meine viel zu dünne Winterjacke mit bepacktem Rucksack auf dem Rücken, schlendere ich fröstelnd hinüber zum Gleis. Noch vor kurzem wäre halb sieben mitten in der Nacht für mich gewesen. Mittlerweile lösen die vielen Menschen, die um diese Uhrzeit unterwegs sind, keinerlei Verwunderung mehr in mir aus. Um dem morgentlichen Gemurmel der Reisenden zu entkommen, bestücke ich meine Ohren mit den Kopfhörern meines MP3-Players. Ein Morgen beginnt für mich stets ohne Worte, vor allem da ich heute schon so viele in meinem Kopf vernommen habe. Zu wortloser Musik kann ich dichten, ganz so als würde dem Stück absichtlich der Text fehlen, damit ich ihn mir selbst zusammen reime. Schwimmen in der Früh ist ähnlich. Die älteren Damen, die gern zu mehreren kommen um sich über den neusten Klatsch auszutauschen, sind noch nicht da und auch die Schulkinder treffen nicht vor 8Uhr ein. Es herrscht keine Stille, aber das regelmäßige Rauschen der Chloranlange hat eine unvergleichbare, fast betörende Wirkung auf mich. Wie gut, dass mich eifrige Sportschwimmer umgeben, die mich mit ihrem Platschen und Prusten davor bewahren ganz benommen im Wasser zu treiben. Die Kombination der einzelnen Geräusche lässt eine Kulisse entstehen, die mich in ihren Bann zieht. Ich bin hellwach. Es ist 7.00Uhr und ich ziehe meine vierte Bahn. Spätestens ab der Hälfte meines Pensums tauche ich ein in einen Bewegungsfluss, der mich alles um mich herum vergessen lässt. Bis dahin beobachte ich die Schwimmer, die rechts und links neben mir hin und her gleiten. Wie unterschiedlich ihre Schimmtechniken sind! Eine von Statur zierliche, auf dem Rücken schwimmende Frau, deren Haare eine blaue Badekappe versteckt hält, kommt trotz zeitlupenartiger Bewegungen auf den Rücken schwimmend unglaublich zügig voran. Es fasziniert mich mit welch Ruhe sie ihre Arme kreisförmig nach hinten schwingt um kurz vor dem Eintauchen noch einmal langsamer werdend, fast zärtlich die Wasseroberfläche erneut zu durchbrechen. Ihr Schwimmen ist Meditation, so wirkt es auf mich. Für einen Moment schwelge ich in der Bewunderung und bezweifle seufzend je so tief in diesen Fluss hinabsinken zu können. Den Zweifel verwerfend, lasse ich von meinen Beobachtungen ab und konzentriere ich mich wieder auf meine Bahn. Auf die große Fensterfront zuschwimmend und der Weise zusehend, wie das Sonnenlicht hinter der Häuserfront die kleine Seitenstraße bescheint, reißt mich aus der Gleichmässigkeit meiner Züge. Für ein paar Sekunden halte ich im Wasser inne und ziehe die Stirn in Runzeln. Mit einem Male ist mir als erinnerten mich die Häuser, die ihre Schatten auf die gegenüberliegenden Wände werfen, an Pariser Gassen, in denen ich nie gewesen bin. Ich war noch nie in Paris. Eine Erinnerung, die nicht meine zu sein scheint, lässt mir das Bild so klar werden, dass ich es für einen Moment für ein Deja-Vu halte. Ach, wie gern wäre ich mit dir durch solch Gassen gelaufen! Ich stelle mir vor wie schön dein Gesicht in diesem Licht hätt ausgesehen. Fehlte dir für solch romantische Reisen wirklich der Sinn, oder lediglich das nötige Kleingeld? Jedenfalls wirkt mir nun jener Traum realer als jede schöne Stunde, in der das Sonnenlicht in deinen Augen funkelte. Nur mit Mühe schaffe ich es meine Konzentration wieder auf meinen Körper zu lenken und richte meinen Blick nicht weiter in die Ferne, sondern stets immer nur auf den einen Meter Wasser, in den ich mit einem Zug hinein gleite. Mit meinen Handflächen schieben ich die Massen zur Seite als wollte ich mir einen Weg bahnen. Ach, könnte ich dich doch so federleicht hinter mir lassen wie dieses Wasser. Wie schnell würde dein Gesicht zur Unkenntlichkeit verschwimmen in den Wogen. Große Wellen würde ich schlagen, in denen es unterginge, während ich sie durchquere.
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