"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Siebter Brief

Lieber Freund,

gestern Nacht wollte ich es nun genau wissen. Es dämmerte schon, als sich Gunther und ich an ihr Haus anschlichen. Mein Herzschlag hämmerte in meiner Brust, die Erinnerung an ihren Verlust und die Aufregung ließen meinen Frust nur noch stärker werden. Wir hatten keine andere Wahl: Um uns nicht zu gefährden schlugen wir uns ins Dickicht, in das kein Strahl vom Licht der Laternen zu dringen vermochte. Wir wollten uns so gut verstecken, dass man nur von den Sternen aus uns hätte entdecken können. Nach einigem Warten, näherten sich zwei Gestalten. Vom Weiten her konnte man schon erraten, dass sie es waren. Ich erkannte sie an ihrem Gang und ihren Gesten, und es dauerte nicht lang bis ich in Gedanken auf sie zurannte und sie mit meinen Armen umschlang. Sie hielten direkt vor ihrem Haus, dass an der Seite mit Ranken behangen ist. Ich richtete mich ein wenig auf um besser sehen zu können; das war sehr riskant, doch mein Herz konnte es einfach nicht verstehen, war ganz außer Rand und Band. O welch Schand! Welch Schmerz mich bei diesem Anblick durchfuhr, welch Wut und Zorn und eine unendliche Spur von Traurigkeit. Plötzlich schrie Gunther auf und zog mich wieder hinunter. Ein kleiner Dorn hatte sich durch seinen Mantel gebohrt, doch bei seinem Geschrei hätte man meinen können es sei eine Tarantel gewesen. Wir zogen uns zurück um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen. Zum Glück waren die beiden zu sehr mit sich selbst beschäftigt, was meines Herzens Leiden noch einmal mehr bekräftigte. Im fahlen Licht konnte ich des Schurkens Gesicht nur erahnen. Jemand sollte sie warnen! Denn es ist jener, den ich bereits vermutet hatte, der seinen Kopf dem ihren zu nähern begann. O, lieber Freund, sie zu verlieren umzäunt mir mein Herz und lässt alles vollkommen finster werden. Zu ihnen hinüber zu laufen und mich mit ihm zu raufen wäre nicht meine Art gewesen, so hörten wir auf sie zu bespannen und zogen lautlos von dannen. Als ich später im Bette lag, fragte ich mich was ich hätte anders machen sollen, damit es nicht soweit kommt. Unsere Wege werden sich weiterhin kreuzen, doch für mich ist sie nun wie verschollen. O wie ich mich aufrege! Entschuldige, ich muss mir soeben die Nase schneuzen. Mein Leben scheint mir zu Ende, die Hände sind mir gebunden und ich verschwende eine Träne nach der anderen. Es tut mir leid, dass ich's immer wieder erwähne. Ich will dich nicht weiter langweilen, ich selbst gähne ja schon, du sicher bereits seit den ersten Zeilen. Mach dir keine Sorgen! Denn wie mein Vetter Hagen pflegt zu sagen, mit den Gefühlen ist es wie mit dem Wetter: heute Regen, morgen Schnee am dritten Tag, o welch ein Segen, die Sonne lacht wie eh und je. In ein paar Tagen wird mein Klagen sicher ein Ende haben. Dann werd ich dir wieder schreiben, doch für den Moment, will ich verbleiben, mit den herzlichsten Grüßen.

Dein Freund Gustave

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