In deiner lebenslang täglichen
Niederlage mich zu gebären, hält dich nur ein Gedanke auf den
Beinen. Zum ersten Mal kannst du nun weinen über mich, der oder die
ich dieses Leben niemals erleben werde. Wenn du nämlich erkennst,
dass du in diesem ständigen Versuchen, dich stetig selbst neu
gebärst, so werde ich ja letztendlich doch lebendig in dir. Du wirst
zu mir und bildest mich ab. Dann bin ich in der Welt und trage dein
Gesicht, dann bin ich dir nicht Kind, sondern mehr wie ein Zwilling,
mit dem du dir einen Körper teilst. Unsichtbar zwar, aber sehend,
ich kann hören, doch meine Worte sind nur für deine Herzohren
bestimmt. Die Menschenmassen eilen an uns vorbei, mein
Säuglingsgeschrei verstummt in ihren lauten Gesprächen, in ihren
dringenden Telefonaten über die neusten Flatrates und Tarife, über
Top-Models und Apps und Laptops und den neusten 1-Euro-Shop um die
Ecke. Es ist mir als schliefen sie und wandelten im Schlafe. Wo
andere Schafe zählen, um in die Traumwelt zu sinken, da zählen wir
die Menschen, die wie in Herden nach ihrem Hirten ziehen. Er hält
sie beisammen, mit unsichtbarer Pfeife und dünnen Nylonfäden. Ach,
wie sind wir hier im Traume, wenn sich alles an uns vorbei drängt,
weil dort drüben wieder was verschenkt wird oder sie eilig laufen um
den Sommerschlussverkauf nicht zu verpassen. Klingelnde Kassen in
allen Läden und wo wir hinschauen ist uns alles voller seidener
Spinnenweben. Alles klebt, niemand hebt sich ab, niemand hebt ab,
alle nur den Hörer, aber keiner hört hin, gefangen in diesem Netz,
in diesem world wide web, aus Nummern und Neuigkeiten, in diesem
programmierten Geschwätz ohne Sinn für die Gezeiten in ihren
Leibern. Nach allem wird gesucht, nur nicht nach dem, wonach ein
jeder einer falschen Fährte folgend die Geschäfte und Suchmaschinen
durchforstet. Nach neuen Treibern wird sich erkundigt, und alle
übersehen in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, wonach es
ihnen eigentlich verlangt. Denn das Update, was ihnen am meisten
fehlt, fehlt auch in den Regalen. Nicht ausverkauft, sondern aus dem
Programm genommen aufgrund mangelnder Nachfrage, denn wer zahlt
heutzutage schon für unsichtbare Ware, wenn doch die blauen Blüschen
mit den blauen Rüschen sich so schön tragen? Blauäugig nur, weil
es keiner wagt sich in die Augen zu schauen. Die inneren Ebben und
Fluten wechseln sich ab, ohne, dass einer sich traut ihnen Beachtung
zu schenken. Ihnen zu gedenken, scheint sinnloser Zeitvertreib! Und
treibt auch das Wasser fast bis an ihr Haus, so schaut keiner nur für
eine Moment aus dem Fenster hinaus um dieses So-viel-mehr zu
betrachten und zur Abwechslung mal in der Schönheit dieses Anblickes
zu versinken. Das Meer wird weniger, immer weniger in ihnen. Eine
Dürre zieht auf, so müssen sie trinken, viel trinken, um nicht
zugrunde zu gehen. Würd der goldene, der in allen Farben kommende
Saft nicht fließen, was flöße dann? Würd die Stille sie nicht
irgendwann aufhorchen und fragen lassen: Wo geh ich hin? Denn auch
wenn sich vereinzelt einer zu der wahren Sinnsuche bekennt, ein
ewiger Student, der nach dem menschgewordenen Treiber zu suchen
beginnt, so zeigt sich doch hier welch Ungeduld dem Menschen
anhaftet. Abgeheftet werden nur Akten und Karteikarten, und das sei
schon kaum zu verkraften, wie dann noch das Innere sortieren? Sich zu
entlasten, Arbeitsverzicht zu üben, gleichsam auch auf Fernsehen und
Shopping zu fasten, das täte ja fast weh und brächte die meisten
zum ausrasten. Beständig ist die Sucht der Workaholics nach diesen
greifbaren Dokumenten um nicht jene zusammen sammeln zu müssen, die
erst noch zu bergen und heranzuschaffen sind. Der halbe Mensch, lebt
er nicht ein Leben in Haft, so wie er ständig schaffen muss um
abends so geschafft zu sein, dass ihn kein Sturm wachhalten kann? Ja,
ist all sein Schaffen, all sein Sein nicht bloß Strategie um eben
solch Sturm zu vermeiden? Denn wer hat soviel Kraft ihn auszuhalten?
Da helfen weder Energydrink noch Aufputschpillen, wenn es heißt sich
dort hinein zu begeben und ganz im Stillen dem unsichtbaren Kinde zu
lauschen. Wer nicht dahin kommt, sich selbst zu gebären, dem drängt
sich bald der Kinderwunsch auf und kaum einer weiß diese Sehnsucht
anders zu stillen als ihn oder sie in die Welt zu bringen. Ich sehne,
ich wünsche wieder was. Mit Geld ist's nicht zu erkaufen, nur ich
selbst kann es erschaffen! Wie schön ist's in der Vorfreude zu
schwelgen, das Kinderzimmer vorzubereiten, alles in blau oder rosa zu
streichen, selbst das Sich-über-einen-Namen-Streiten ist vergessen,
sobald er seinem Neugeborenen in die blauen Augen sieht. Wie spürt
er da zum ersten Mal nach vielen Jahren das So-viel-mehr, überflutet
sich selbst, von seinen Wangen tropfen die Freudenstränen, wie er
meint. Nach seinem Bemessen sei dies das höchste Glück, das er je
empfunden hat, doch ist er seither wenig Messer, wenig Finder
gewesen, kaum mehr als ein Stück Fleisch, aufgeschnitten inmitten
seines Herzens, aufdass all die kostbare Flüssigkeit hinaus laufen
musste wie aus leblosen Kadavern. Der Glückliche, noch ist er nicht
verlassen. Ob seiner Dankbarkeit schnürt ihm das Kind nun die Brust
zusammen und heilt die Wunden mit jedem Schritt und jedem Lachen. Wer
vermags sich vor seinem Sich-vermehren selbst zu heilen und das
So-viel-mehr in den Ebben und Fluten seines Meeres zu entdecken? Wer
umschlingt seinen eigenen Busen und ist manns genug dort zu verweilen
solang die Naht zusammenwächst?
Solls gelingen, so hilft nur krummes
Ding und Zauberei: *Hex hex!* Alles denkt an aufblinkende SMS, an
Sich-Verstecken und den letzten Sex, jedoch, so der Gott sich
erinnern will, ganz ohne mein Erwecken, irgendwann in fernen Tagen,
an fünfzehn Seiten törichten Text und wie wenig töricht dieser
war.
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