"We are, who we are, because of what we learn and what we remember."

Dienstag, 18. September 2012

Nachricht von G-Punkt

In deiner lebenslang täglichen Niederlage mich zu gebären, hält dich nur ein Gedanke auf den Beinen. Zum ersten Mal kannst du nun weinen über mich, der oder die ich dieses Leben niemals erleben werde. Wenn du nämlich erkennst, dass du in diesem ständigen Versuchen, dich stetig selbst neu gebärst, so werde ich ja letztendlich doch lebendig in dir. Du wirst zu mir und bildest mich ab. Dann bin ich in der Welt und trage dein Gesicht, dann bin ich dir nicht Kind, sondern mehr wie ein Zwilling, mit dem du dir einen Körper teilst. Unsichtbar zwar, aber sehend, ich kann hören, doch meine Worte sind nur für deine Herzohren bestimmt. Die Menschenmassen eilen an uns vorbei, mein Säuglingsgeschrei verstummt in ihren lauten Gesprächen, in ihren dringenden Telefonaten über die neusten Flatrates und Tarife, über Top-Models und Apps und Laptops und den neusten 1-Euro-Shop um die Ecke. Es ist mir als schliefen sie und wandelten im Schlafe. Wo andere Schafe zählen, um in die Traumwelt zu sinken, da zählen wir die Menschen, die wie in Herden nach ihrem Hirten ziehen. Er hält sie beisammen, mit unsichtbarer Pfeife und dünnen Nylonfäden. Ach, wie sind wir hier im Traume, wenn sich alles an uns vorbei drängt, weil dort drüben wieder was verschenkt wird oder sie eilig laufen um den Sommerschlussverkauf nicht zu verpassen. Klingelnde Kassen in allen Läden und wo wir hinschauen ist uns alles voller seidener Spinnenweben. Alles klebt, niemand hebt sich ab, niemand hebt ab, alle nur den Hörer, aber keiner hört hin, gefangen in diesem Netz, in diesem world wide web, aus Nummern und Neuigkeiten, in diesem programmierten Geschwätz ohne Sinn für die Gezeiten in ihren Leibern. Nach allem wird gesucht, nur nicht nach dem, wonach ein jeder einer falschen Fährte folgend die Geschäfte und Suchmaschinen durchforstet. Nach neuen Treibern wird sich erkundigt, und alle übersehen in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, wonach es ihnen eigentlich verlangt. Denn das Update, was ihnen am meisten fehlt, fehlt auch in den Regalen. Nicht ausverkauft, sondern aus dem Programm genommen aufgrund mangelnder Nachfrage, denn wer zahlt heutzutage schon für unsichtbare Ware, wenn doch die blauen Blüschen mit den blauen Rüschen sich so schön tragen? Blauäugig nur, weil es keiner wagt sich in die Augen zu schauen. Die inneren Ebben und Fluten wechseln sich ab, ohne, dass einer sich traut ihnen Beachtung zu schenken. Ihnen zu gedenken, scheint sinnloser Zeitvertreib! Und treibt auch das Wasser fast bis an ihr Haus, so schaut keiner nur für eine Moment aus dem Fenster hinaus um dieses So-viel-mehr zu betrachten und zur Abwechslung mal in der Schönheit dieses Anblickes zu versinken. Das Meer wird weniger, immer weniger in ihnen. Eine Dürre zieht auf, so müssen sie trinken, viel trinken, um nicht zugrunde zu gehen. Würd der goldene, der in allen Farben kommende Saft nicht fließen, was flöße dann? Würd die Stille sie nicht irgendwann aufhorchen und fragen lassen: Wo geh ich hin? Denn auch wenn sich vereinzelt einer zu der wahren Sinnsuche bekennt, ein ewiger Student, der nach dem menschgewordenen Treiber zu suchen beginnt, so zeigt sich doch hier welch Ungeduld dem Menschen anhaftet. Abgeheftet werden nur Akten und Karteikarten, und das sei schon kaum zu verkraften, wie dann noch das Innere sortieren? Sich zu entlasten, Arbeitsverzicht zu üben, gleichsam auch auf Fernsehen und Shopping zu fasten, das täte ja fast weh und brächte die meisten zum ausrasten. Beständig ist die Sucht der Workaholics nach diesen greifbaren Dokumenten um nicht jene zusammen sammeln zu müssen, die erst noch zu bergen und heranzuschaffen sind. Der halbe Mensch, lebt er nicht ein Leben in Haft, so wie er ständig schaffen muss um abends so geschafft zu sein, dass ihn kein Sturm wachhalten kann? Ja, ist all sein Schaffen, all sein Sein nicht bloß Strategie um eben solch Sturm zu vermeiden? Denn wer hat soviel Kraft ihn auszuhalten? Da helfen weder Energydrink noch Aufputschpillen, wenn es heißt sich dort hinein zu begeben und ganz im Stillen dem unsichtbaren Kinde zu lauschen. Wer nicht dahin kommt, sich selbst zu gebären, dem drängt sich bald der Kinderwunsch auf und kaum einer weiß diese Sehnsucht anders zu stillen als ihn oder sie in die Welt zu bringen. Ich sehne, ich wünsche wieder was. Mit Geld ist's nicht zu erkaufen, nur ich selbst kann es erschaffen! Wie schön ist's in der Vorfreude zu schwelgen, das Kinderzimmer vorzubereiten, alles in blau oder rosa zu streichen, selbst das Sich-über-einen-Namen-Streiten ist vergessen, sobald er seinem Neugeborenen in die blauen Augen sieht. Wie spürt er da zum ersten Mal nach vielen Jahren das So-viel-mehr, überflutet sich selbst, von seinen Wangen tropfen die Freudenstränen, wie er meint. Nach seinem Bemessen sei dies das höchste Glück, das er je empfunden hat, doch ist er seither wenig Messer, wenig Finder gewesen, kaum mehr als ein Stück Fleisch, aufgeschnitten inmitten seines Herzens, aufdass all die kostbare Flüssigkeit hinaus laufen musste wie aus leblosen Kadavern. Der Glückliche, noch ist er nicht verlassen. Ob seiner Dankbarkeit schnürt ihm das Kind nun die Brust zusammen und heilt die Wunden mit jedem Schritt und jedem Lachen. Wer vermags sich vor seinem Sich-vermehren selbst zu heilen und das So-viel-mehr in den Ebben und Fluten seines Meeres zu entdecken? Wer umschlingt seinen eigenen Busen und ist manns genug dort zu verweilen solang die Naht zusammenwächst?
Solls gelingen, so hilft nur krummes Ding und Zauberei: *Hex hex!* Alles denkt an aufblinkende SMS, an Sich-Verstecken und den letzten Sex, jedoch, so der Gott sich erinnern will, ganz ohne mein Erwecken, irgendwann in fernen Tagen, an fünfzehn Seiten törichten Text und wie wenig töricht dieser war.

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